Kanes Sonderrolle: Wie Bayern Leipzig demontierte 

Beim 6:1 gegen Leipzig brillierte Harry Kane nicht nur als Torschütze und Vorbereiter. Blöd nur, dass diese Rolle am Mittwoch eher nicht zugelassen wird.

Kompanys Puzzle vor Arsenal

Was genau nun Vincent Kompany bremste, das blieb auch am späten Samstagabend noch unklar. Mehr als verhalten hatte der Bayern-Trainer die sechs Treffer seiner Mannschaft gegen RB Leipzig jedenfalls nicht bejubelt und anschließend alle Interviews abgesagt. „Er hat die ganze Woche schon ein Virus gehabt“, erzählte der Sportvorstand Max Eberl später, während andere meinten, Kompany wäre vor dem Spiel gestürzt und wegen Hüftproblemen etwas weniger beweglich gewesen.

Verschmerzen konnten es die Münchner zumindest dieses Mal, gegen einen dankbaren Aufbaugegner aus Leipzig, der die Allianz-Arena zum zweiten Mal hintereinander mit sechs Gegentreffern verlässt und den Bayern kaum besser in die Karten hätte spielen können. Dieser angeschlagene Rekordmeister, nach zwei Unentschieden um eine Reaktion bemüht, ergötzte sich am Spielaufbau der Gäste, die immer wieder in die Falle tappten und das Pressing der Bayern auslösten. So entstanden Fehler, so endstanden Chancen, so endstanden Tore. Zu wenig noch, eigentlich.

„Das ist das Level, das wir immer erreichen wollen“, erklärte Harry Kane später und weiß natürlich auch, dass das „aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich“ ist. Es wird noch genügend Gegner geben wie Augsburg oder Viking, die vielleicht nicht gleich nach wenigen Sekunden treffen, aber das eigene Tor zumindest so vehement verbarrikadieren, dass die Bayern nicht mit Tempo darauf zulaufen können, sondern um den Sechzehner herumspielen müssen. „Wenn wir so spielen, genießen wir es“, sagte Kane.

Er selbst natürlich auch, als eine Art angreifender Quarterback oder so ähnlich. Der Engländer ließ sich gegen Leipzig auffällig tief fallen, tiefer noch als sonst, und löste damit teilweise sogar Joshua Kimmich ab, sobald dieser von einem Gegenspieler zugestellt wurde. Siehe das 2:0 der Bayern, als Ezechiel Banzuzi an Bayerns Sechser klebte, Kane deshalb von der vordersten Linie komplett ungedeckt durchs Zentrum zurücklief und sich den Ball von Jonas Urbig abholte. Der Angreifer nahm den Ball in der Drehung an, legte ihn sich kurz zurecht und schlug einen Flugball auf die linke Seite, den Luis Diaz vor Lukas Klostermann erlief, um dann im Strafraum Aleksandar Pavlovic zu bedienen – und schon stand es 2:0.

Freiheiten, die Kane gerne nutzt und nicht mehr allzu oft erhält. Vor allem am Mittwoch (21 Uhr, LIVE! bei kicker) nicht, wenn der FC Arsenal in München antritt. „Wenn du gegen eines der besten Teams in Europa spielst, musst du das genießen“, sagte Kane, obwohl er natürlich weiß, dass bei Bayern eigentlich nur Siege genossen werden. Einen solchen braucht es gegen den englischen Meister und Champions-League-Finalisten, um bestenfalls wieder unter den Top 2 in der Ligaphase zu landen und den Heimrecht-Vorteil bis zum Finale zu behalten.

„Die Energie, die Fans, das wird ein spezieller Abend.“ (Harry Kane vor Arsenal)

Schwierig wird diese Aufgabe allemal, auch wenn Arsenal einen Tag weniger Regenerationszeit erhält und anders als im Vorjahr beim 3:1-Sieg gegen die Bayern dieses Mal auswärts ran muss. „Die Energie, die Fans, das wird ein spezieller Abend“, glaubt Kane. „Wir müssen das Momentum mitnehmen, das wir in diesem Spiel genutzt haben.“

Blöd nur, dass Arsenal eher nicht derart ins Verderben laufen wird wie Leipzig, dafür ist Trainer Mikel Arteta doch etwas zu schlau. Zumal seine Mannschaft eine ganz andere Körperlichkeit an den Tag legen wird, die hatten die Münchner schon in der Vorsaison in Person von Declan Rice zu spüren bekommen. „Wir haben Erinnerungen behalten, und die Erinnerungen wollen wir jetzt am Mittwoch in Energie umsetzen“, erklärte Sportvorstand Eberl.

Energie wird es brauchen, genauso die spielerische Klasse und individuelle Qualität wie am Samstag, als Luis Diaz sich mit drei Toren von aller Last befreite und Michael Olise mit einem Tor und einer Vorlage auf seinen Platzverweis in Stavanger antwortete. „Outstanding“ fand Kane die Reaktion seines Teamkollegen, fehlen wird der gegen Arsenal dennoch. „Wenn du einen deiner besten Spieler nicht dabei hast, wirst du das auf jeden Fall spüren“, weiß Bayerns Nummer 9 und richtete deshalb einen Appell an Lennart Karl, Serge Gnabry oder sonstige Herausforderer: „Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem andere Leute einen Schritt nach vorn machen und die Gelegenheit nutzen müssen.“

Auf Englisch klingt das fairerweise etwas besser, wenn Kane von „time to step up“ spricht. „Wir haben viel über den Kader gesprochen, bereit zu sein für deinen Moment, und wer auch immer spielt, muss bereit sein. Das ist die Konkurrenz bei Bayern München, und es ist ein wichtiger Faktor, weil du nie weißt, was während der Saison passiert – früh in der Saison, spät in der Saison. Du musst bereit sein, deine Chance zu nutzen. Also, wer auch immer spielt, ich denke, wir trainieren auf einem Level, wo der Standard extrem hoch ist, und hoffentlich können sie reinkommen und einen wirklich guten Job machen.“

Karl oder Gnabry: Wer ersetzt Olise gegen Arsenal?

Gegen Leipzig bekamen Karl und Gnabry eine halbe Stunde Bewerbungszeit, wirklich in den Vordergrund spielte sich keiner mehr. Gut möglich, dass Ismael Saibari seine Rolle auf der Zehn auch am Mittwoch behält, was dann bedeutet, dass ein Eins-zu-eins-Ersatz für Olise gesucht wird. Für Karl spräche wie bei Olise der starke linke Fuß und das zumindest halbwegs ähnliche Vorhaben, zumeist von der Außenbahn ins Zentrum zu ziehen und den Abschluss zu suchen. Das ist dem Teenager vor allem in seiner vergangenen Durchbruchs-Saison öfter gut gelungen, seitdem nicht mehr so oft.

Auch Gnabry ist die Position auf dem rechten Flügel nicht fremd, wobei der Nationalspieler dort vor allem dann überzeugen konnte, als er mit Olise zusammenspielte und zwischen Flügel und Zentrum wechselte. „Wir haben, glaube ich, genug Spieler, die das auffangen können“, sagte Eberl. „Klar, Michael ist ein Spieler, der außergewöhnlich ist, gerade in so einem Spiel sehr wichtig wäre, aber er ist nicht da, deswegen brauchen wir nicht zu lamentieren. Da müssen andere in die Bresche springen.“ Und liefern.

 Beim 6:1 gegen Leipzig brillierte Harry Kane nicht nur als Torschütze und Vorbereiter. Blöd nur, dass diese Rolle am Mittwoch eher nicht zugelassen wird. 

 

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