Ein zu Unrecht verweigertes Tor und der Knock-out kurz vor Abpfiff: Trotz des Stuttgarter Chancenplus verliert der SC Freiburg das Pokal-Halbfinale unter äußerst bitteren Umständen. Julian Schuster will aus dem Auftritt dennoch Stärke generieren. Der nächste Höhepunkt steigt ja schon nächste Woche.
Freiburg muss den Frust umwandeln
Wie so oft gibt es nach einem Fußball-Spiel nicht die eine Wahrheit, sondern mehrere. Angesichts eines klaren Chancenübergewichts von 13:5 und einer weitgehenden spielerischen Überlegenheit ab der zweiten Spielhälfte kann man den Stuttgarter Einzug ins Pokalfinale natürlich als verdient einstufen. Doch der SC Freiburg, anfangs längere Zeit die stabilere, gefährlichere Mannschaft und somit verdient in Führung, hielt in diesem packenden Pokalfight stark dagegen – und hätte die Partie in zwei weiteren Schlüsselszenen auch in eine ganz andere Richtung lenken können.
Suzuki verpasst das 2:0 – Müller rutscht aus
Eingeleitet von Johan Manzambi und per guter Hereingabe von Niklas Beste vorbereitet, hatten Igor Matanovic und Yuito Suzuki in der 70. Minute eine große Doppelchance zum womöglich vorentscheidenden 2:0 aus Sicht der Gäste. Doch erst blieb der Abschluss des Stürmers an Jeff Chabot hängen und dann ließ sich auch Freiburgs Zehner, recht freistehend, von Ramon Hendriks kurz vor der Torlinie blocken. Im direkten Gegenzug, als die Restverteidigung nicht ideal aufgestellt war und zudem manch zuvor stürmende Akteure den Weg zurück in einem sehr kraftraubenden Spiel nicht mehr mit aller Konsequenz durchzogen, fiel das 1:1.
So eng liegen eben Freud und Leid im Fußball oft zusammen. Ein Grund, warum diese Sportart weltweit so viele Menschen fasziniert. Gar nicht begeistert von dieser Sequenz war natürlich Florian Müller. Der SC-Pokaltorwart bot in seinem früheren Heim-Stadion (2021-2023) eine exzellente Leistung, mit der er durch viele gute und eine Weltklasse-Parade bei einem Freiburger Weiterkommen zum klaren Matchwinner aufgestiegen wäre.
Nur ausgerechnet bei diesem typisch schlitzohrig-präzisen Schuss ins lange Eck von Deniz Undav zum 1:1 hatte Müller Pech. „Ich rutsche leider weg, kriege dadurch keinen Druck mehr und falle quasi einfach um. Wenn ich nicht wegrutsche, halte ich den Ball“, ordnete Müller die Szene auf bemerkenswerte Weise ein.
Nichts zu halten war kurz nach Beginn der Verlängerung für Alexander Nübel, Müllers Gegenüber im VfB-Tor. Lucas Höler chippte den Ball gekonnt ins lange Eck, doch kurz zuvor war ein Pfiff von Tobis Welz ertönt. Der Schiedsrichter hatte Hölers robusten, aber legitimen Körpereinsatz gegen VfB-Abwehrkante Jeff Chabot als Foul bewertet und obendrein handwerklich schlecht mitten in der Abschlussaktion verfrüht abgepfiffen und damit dem VAR jede Eingriffschance verwehrt.
Insgesamt eine gravierende Fehlentscheidung, über die im Nachhinein bemerkenswerte Einigkeit bestand: Von nachvollziehbar erbosten Freiburgern, über Stuttgart-Stürmer Undav, der sich in die heftige Schiedsrichterkritik einreihte, bis zur DFB-Schiedsrichterführung, die Welz‘ Fehler einräumten.
„Das ist natürlich sehr, sehr ärgerlich, wenn du in der Verlängerung in Führung gehst, dann kann das einen großen Einfluss auf ein mögliches Ende haben. Und ja, das sind leider die kleinen Dinge, die diese engen Spiele entscheiden können“, sagte SC-Trainer Julian Schuster am Freitagnachmittag nach einer sicher kurzen Nacht: „Diese Dinge wurden uns in der einen oder anderen Situation verwehrt oder wir haben sie auch selbst nicht genutzt, wie beim möglichen 2:0. Deshalb hilft uns das auf der einen Seite jetzt auch nicht mehr weiter.“
Da Joker Tiago Tomas auch noch kurz vor Abpfiff der technisch herausragende Stuttgarter Siegtreffer gelang – war es stattdessen ein heftiger Tiefschlag, den die Freiburger im emotionalen Duell beim Landesrivalen hinnehmen mussten.
Ein Tiefschlag, der über das Verpassen des Finales hinaus schmerzhafte Folgen für die Breisgauer haben wird? Das wollen Schuster und Co. natürlich unbedingt vermeiden, schließlich steckt der SC in der Liga noch mitten im spannenden Kampf mit Eintracht Frankfurt im Duell um Platz sieben, der sicher für ein Europacup-Ticket reicht. Und für das Schuster-Ensemble steht ja schon nächste Wochen der nächste von noch mindestens zwei absoluten Höhepunkten an: Das Hinspiel im Halbfinale der Europa League bei Sporting Braga.
„Was uns weiterhilft, ist die Leistung, die gezeigt wurde.“ (Julian Schuster)
Deshalb legte Schuster den Fokus lieber auf die andere Seite der Betrachtung: „Was uns weiterhilft, ist die Leistung, die gezeigt wurde. Die kann man der Mannschaft hoch anrechnen und wird uns auch für unseren weiteren Weg und die kommenden Aufgaben helfen.“
Der SC hatte zumindest teilweise an die zuletzt so starken Leistungen, zweimal gegen Celta Vigo im EL-Viertelfinale (3:0 und 3:1), gegen die Bayern (2:3) und im EL-Achtelfinal-Rückspiel gegen Genk (5:1), anknüpfen können. Lange Zeit stand das Team um den einmal mehr stark aufspielenden Abwehrchef Matthias Ginter stabil. Offensiv kamen die SC-Profis zwar nicht ganz an die große Effizienz und Wucht aus den genannten Partien heran. Aber Vincenzo Grifo und Co. erspielten sich zu Beginn zwei guten Chancen, von denen sie eine nutzten und eben die erwähnten beiden Möglichkeiten auf eine Vorentscheidung.
Dazu kommt die erneute Energieleistung, es bei im heimischen Stadion grundsätzlich sehr dominanten und wuchtigen Stuttgartern beinahe ins Elfmeterschießen geschafft zu haben. „Dass die Reise im DFB-Pokal endet, ist hart. Aber die Realität ist, dass wir das bestätigen konnten, wohin wir uns in den letzten Wochen entwickelt haben“, hatte Schuster bei allem Frust schon in der Nacht in Stuttgart versucht, den Fokus auf den eigenen Auftritt zu legen und erkannte darin sogar in manchen Aspekten eine Steigerung.
Schuster bleibt positiv
„Aus meiner Sicht war das noch mal der nächste Schritt für uns hier auswärts gegen diesen Gegner, gegen dieses Stadion, das wir dann auch immer wieder ruhig bekommen haben, so zu bestehen und diese Leistung abzurufen“, sagte Schuster und beschwor im Moment der großen Enttäuschung den Zusammenhalt: „Das wird uns noch stärker machen. Und das ist auch der wichtige Appell an die Mannschaft und auch an die Fans: Es geht weiter. Jetzt können wir ein, zwei Tage trauern. Das ist auch erlaubt, das ist auch richtig, aber dann geht es mit Positivität, mit mehr Selbstvertrauen und mehr Kraft in die weiteren Aufgaben.“
Stuttgart habe zu Hause schon oft noch dominantere und druckvollere Spiele gezeigt, urteilte Schuster: „Allein, dass sie auch sich für diese Spielweise entschieden haben mit vielen langen Bällen, das zeigt, wozu unsere Jungs imstande sind. Das verdient ein großes Kompliment, wie die gesamten 120 Minuten generell.“
Manzambi bleibt vieles schuldig
Bei allem Lob lief es aber gerade bei zwei Freiburger Akteuren nicht rund. Linksverteidiger Jordy Makengo war insgesamt die größte defensive Schwachstelle im Freiburger Defensivverbund und auch Shootingsstar Johan Manzambi, der schon häufig den Unterschied in positiver Hinsicht für den SC gemacht hat, erwischte keinen guten Tag.
Zunächst fiel der 20-jährige Schweizer mit einer Reihe von Mätzchen auf, was ihm ganz offensichtlich einiges von seiner sonst so gefährlichen und begeisternden Spielstärke nahm. Letztlich gelang dem bereits von zahlreichen Top-Klubs umworbenen Mittelfeldkünstler wenig im Spiel nach vorne. „Er gibt uns grundsätzlich so viel und spielt den Ball vor unserer Doppel-Chance auch raus zu Niki Beste. Es wäre nicht richtig, die Jungs jetzt irgendwie zu kritisieren“, sagte Schuster, deutete aber an, das intern im Sinne der Sache nachzuholen: „Natürlich sind das für uns Lernfelder und wir wollen kritisch miteinander umgehen, weil wir wieder solch enge Spiele haben werden, wo Nuancen den Unterschied machen.“
Schuster moniert unnötige Gelbe Karten
Einen Kritikpunkt äußerte Schuster dann aber doch öffentlich. „Die Gelbe Karte stört mich. Das ist unnötig in so einem Spiel“, sagte er über Manzambis frühe Verwarnung nach einem Scharmützel mit Jamie Leweling, die ihm logischerweise ab diesem Zeitpunkt in Zweikämpfen eine gewisse Zurückhaltung auferlegte. Zumal Manzambi diese Saison schon zwei unglückliche Rote Karten kassiert hatte.
„Wir hatten schon in Vigo unnötige Gelbe Karten. Da musst du klar bleiben und so was eher beim Gegner erzwingen. Das sind natürlich Erfahrungen, die du sammeln musst.“ Um dadurch im Idealfall im Rahmen der jüngst so beeindruckend positiven Entwicklung weiterhin zu wachsen. Manzambi individuell wie auch das gesamte SC-Kollektiv – trotz dieses harten Tiefschlags vom Donnerstagabend.
Ein zu Unrecht verweigertes Tor und der Knock-out kurz vor Abpfiff: Trotz des Stuttgarter Chancenplus verliert der SC Freiburg das Pokal-Halbfinale unter äußerst bitteren Umständen. Julian Schuster will aus dem Auftritt dennoch Stärke generieren. Der nächste Höhepunkt steigt ja schon nächste Woche.
