Es wird ernst für den neuen Cheftrainer der Borussia. Am Sonntag in Köln zeigt sich, wie viel Input der 53-Jährige schon liefern konnte. Plant der Coach eine Überraschung auf der Sechs?
Aktivität, Mut und ein neues System für mehr Stabilität
Die Cheftrainer von Borussia Mönchengladbach verbindet eine Gemeinsamkeit: Sie verlieren nicht bei ihrer Premiere. Lässt man Interimslösungen wie Jan-Moritz Lichte (3:4 gegen Mainz am vergangenen Spieltag) außen vor, kassierte nur Bernd Krauss bei seinem Debüt in der Bundesliga eine Niederlage, es war ein 2:5 gegen den 1. FC Saarbrücken am 13. Spieltag der Saison 1992/93. Die anderen VfL-Trainer in den vergangenen sechs Jahrzehnten hielten sich allesamt schadlos.
Vielleicht ist es ein gutes Omen für Alexander Blessin vor seinem Start am Sonntag beim Rheinderby in Köln. Den Erfolg will sich der neue Hoffnungsträger aber durch das eigene Tun erarbeiten. Und dafür drückt er in den Trainingseinheiten auch mächtig aufs Gaspedal.
16 Gegentore – der Trainer muss die Schießbude schließen
Lautstark schmettert Blessin seine Anweisungen über den Platz, er korrigiert, erklärt. Als „sehr aktiv“ beschreibt Blessin seine Arbeitsweise, und „Aktivität“ will er auch bei seinen Spielern sehen. Diese hatte er im Test beim FC St. Pauli (1:1) am vergangenen Samstag über einen längeren Zeitraum vermisst. „Es geht um das Mindset. Dass wir Richtung Ball aktiv sind, aber auch dahinter den Raum schließen und nicht nur auf einer Höhe stehen, womit wir womöglich zu leicht den Lochpass zulassen. Man muss gut in der Struktur arbeiten“, erklärte Blessin am Dienstag noch einmal. Besonders das Verhalten gegen den Ball steht auf dem Übungsplan des Chefcoaches. Schließlich gilt es in erster Linie, die Schießbude zu schließen. Gladbach schluckte an den ersten vier Spieltagen unfassbare 16 Gegentore.
In der hitzigen Derby-Atmosphäre am Sonntag wartet direkt mal ein echter Stresstest auf Blessin mit seiner neuen Mannschaft. Wie viel Input konnte der Fußballlehrer schon liefern? Welche Veränderungen bei System und Personal nimmt er vor? Hat er die Verunsicherung aus den Spielerköpfen rausbekommen? Das Köln-Spiel wird erste Antworten liefern. Wobei für die Borussen über allem steht, dass sie nach vier Nullrunden endlich auf ihr Punktekonto einzahlen. „Das Derby kann eine Initialzündung für uns sein“, weiß Blessin. „Genau das wollen wir für uns nutzen.“
Spannend wird, welche Umbaumaßnahmen der Coach im Defensivbereich, dem größten Brennpunkt, vornehmen wird. Alles andere als eine Abschaffung der von Vorgänger Eugen Polanski zur neuen Saison wieder eingeführten Viererkette wäre eine dicke Überraschung. Blessin wird auf die Dreierkette in einer 3-4-2-1-Grundordnung setzen. Doch schon da muss der frühere St.-Pauli-Trainer mit einem Handicap fertig werden – die vermeintliche Top-Besetzung der Dreierreihe stand ihm wegen der Länderspielabstellungen über weite Strecken nicht zur Verfügung.
„Frontalunterricht“ für Itakura und Diks
Für die erfahrenen Ko Itakura (Japan) und Kevin Diks, der mit Indonesien am Montag den Gewinn des Asean Cups feierte, kündigt Blessin daher „Frontalunterricht“ an. „Mal schauen, wie sehr dann der Kopf qualmt. Wir müssen es schnellstmöglich hinkriegen, dass wir den Jungs das nahebringen, was wir uns in den letzten zehn Tagen erarbeitet haben“, sagt Blessin.
Bei Itakura, mehr Wackelkandidat als Stabilisator an den ersten Spieltagen, kommt erschwerend hinzu, dass er zwischenzeitlich angeschlagen war und auch mal kürzertreten musste im Kreis der japanischen Nationalmannschaft. „Er wird bei uns noch einmal durchgecheckt und dann schauen wir“, sagt Blessin mit Blick auf Sonntag. Der 19 Jahre alte Jan Leszczynski wird in Köln voraussichtlich die Dreierkette neben Diks und Itakura, sofern dieser auflaufen kann, vervollständigen. Aber auch der Youngster verpasste durch die Spiele für Polens U 20 wichtige Trainingszeit unter dem neuen Trainer. Alles in allem extrem erschwerte Bedingungen, wenn eine Wackel-Defensive im Eiltempo stabilisiert werden muss.
Für eine Überraschung könnte Blessin in der Doppelsechs sorgen, auch das eine der Gladbacher Problemzonen an den ersten Spieltagen. Die Partnersuche für den gesetzten Philipp Sander führt plötzlich zu Zento Uno, den Sommereinkauf aus Japan (Shimizu S-Pulse), der aus Verletzungsgründen bisher noch kein Pflichtspiel bestreiten konnte. Vom Profil her ist Uno der klarste Sechser im Kader, ein physisch robuster Balleroberer und damit ein Spielertyp, der wichtige Abräumerdienste im Zentrum leisten könnte. „Er hat so viel Qualität und ist genau die Art Spielertyp, den ich mag, weil er sehr gut im Vorwärtsverteidigen ist“, sagt Blessin über den 22-Jährigen. Eine Startelf-Nominierung Unos wäre aufgrund der fehlenden Wettkampfminuten mit einem Risiko verbunden – wäre aber auch eine Entscheidung, die von Mut zeugt. Und Mut brauchen die Borussen in ihrer Situation. Genau wie das Zutrauen in die eigenen Stärken.
Blessin ist sich bewusst, dass er beim Tabellenletzten eine hochkomplizierte Aufgabe übernommen hat. „Die Situation ist prekär“, betonte er bei seiner Vorstellung. Er sagte aber auch: „Wir wollen aus der Scheißzeit eine gute Zeit machen.“ Der Derbysieg in Köln wäre der perfekte Anfang.
Es wird ernst für den neuen Cheftrainer der Borussia. Am Sonntag in Köln zeigt sich, wie viel Input der 53-Jährige schon liefern konnte. Plant der Coach eine Überraschung auf der Sechs?
