Nach sieben Jahren hat Leonardo Bittencourt doch noch den Werder-Abgang bekommen, der ihm gebührt – und verabschiedet sich mit ehrlichen, kritischen Worten.
Gedanken über Verbleib und Zukunft
Zwei Ballkontakte wies die Statistik letztlich noch mal auf, eine Laufleistung von 220 Metern bei einem Topspeed von 13,41 km/h – doch darum ging es natürlich gar nicht mehr an diesem Samstagnachmittag im Weserstadion.
Als Leonardo Bittencourt in der dritten Minute der Nachspielzeit eingewechselt wurde, handelte es sich keineswegs um einen sportlichen Impuls für die Partie gegen Borussia Dortmund (0:2) – es war eine letzte verdiente Geste zum Abschied des 32-Jährigen.
Sieben Jahre hatte Bittencourt bei Werder verbracht und damit die längste Zeit in seiner von mehreren Stationen (Cottbus, Dortmund, Hannover, Köln, Hoffenheim) gespickten bisherigen Karriere.
Bittencourt: „Das nehme ich dankend an“
„Ich habe jetzt 304 Bundesliga-Spiele: 303 habe ich mir erarbeitet, eins hat mir der Trainer noch geschenkt – und das nehme ich dann noch dankend an“, sagte der Mann an die Adresse von Werder-Coach Daniel Thioune.
Denn eigentlich wäre der Mittelfeldspieler nach einer Muskelverletzung ja noch gar nicht wieder in der Verfassung für einen Einsatz auf diesem Niveau gewesen. Das war Bittencourt dann auch anzusehen: „Ich hätte noch so eineinhalb Wochen Training gebraucht, dann hätte ich auch zwei, drei Sprints mehr hinlegen können …“
Im Vorfeld durfte also noch darüber gerätselt werden, wie laut oder leise der Abschied dieses verdienten Werder-Profis ausfallen würde. Am Ende bekam Bittencourt noch einmal die große Bühne – trotz aller anderen negativen Schwingungen zum Abschluss dieser missratenen Bremer Saison 2025/26.
„Wenn ich sagen würde, was ich denke…“
Dass so vieles falsch gelaufen war in den vergangenen Monaten, das deutete auch der scheidende Profi mit kritischen Worten unmissverständlich an, so wie man das immer von ihm gewohnt war: „Wenn ich sagen würde, was ich denke, könntet ihr richtig viel schreiben“, so Bittencourt gegenüber den Reportern: „Aber das möchte ich nicht.“
Auch für Bittencourt bedeutete diese Spielzeit ein Auf und Ab. Im Winter zog er einen vorzeitigen Abgang in Betracht, weil er unter Ex-Coach Horst Steffen zwischenzeitlich nicht mal mehr in den Kader berufen wurde.
„Es freut mich, dass ich der Mannschaft im Winter nicht den Rücken zugekehrt habe“, erläuterte der 32-Jährige: „Das war genau die richtige Entscheidung: Mein Herz, mein Kopf, mein Bauch haben mir einfach dieses Gefühl gegeben: Komm, du musst bleiben – und wie es jetzt gekommen ist, darauf bin ich unfassbar stolz.“
Werder-Verbleib war für Bittencourt vorstellbar
Denn Steffen-Nachfolger Thioune setzte in Bremen seit seinem Amtsantritt dann wieder voll auf den Routinier. Hätte sich Bittencourt unter dem Coach vielleicht sogar noch mal eine Verlängerung bei Werder vorstellen können?
„Die Entscheidung war ja für mich schon klar, es sollte so sein“, meinte der Werder-Profi: „Aber mit Daniel ist dann noch mal jemand gekommen, wo ich mir sehr gut hätte vorstellen können, weiterzumachen.“ Letztlich wurden die Gespräche jedoch weder von Spieler- noch von Vereinsseite wieder aufgenommen, berichtete Bittencourt.
Nach sieben Jahren als Bremer Führungsspieler war ihm wiederum auch bewusst, dass Werder „auch einen Umbruch machen will – und dafür müssen ein paar Jungs gehen, die vielleicht ein bisschen unangenehm sind, die vielleicht das Gesicht über all die Jahre waren“.
Wie geht es weiter für Bittencourt?
Auch da legte Bittencourt nun den Finger in die Wunde, wünschte den Verantwortlichen „ein besseres Händchen“ bei der Zusammenstellung der Mannschaft: „Im letzten Jahr haben wir gesehen, wohin die Reise hätte gehen können. Man hätte die Mannschaft punktuell verstärken können, weil der Kern stand. Dann würden wir jetzt vielleicht über etwas anderes reden …“
Künftig sei Bittencourt dann jedenfalls nur noch „Fan“ – mit möglicherweise noch kritischerem Blick: „Wenn es dann scheiße läuft, werde ich auch ‚Scheiße‘ rufen“, sagte er grinsend.
Wo es sportlich für ihn weitergeht? „Ich habe gesagt, dass ich mir jetzt noch ein paar Tage Zeit nehme, weil das eine sehr wichtige Entscheidung für mich und meine Familie ist“, so Bittencourt: „Aber ich möchte irgendwann auch in den Urlaub gehen und wissen, wohin die Reise geht.“
Bundesliga-Verbleib möglich
Bleibt das Kind der Bundesliga dem Wettbewerb also erhalten? „Das ist nicht ausgeschlossen“, führte der Bremer weiter aus. Einen Austausch gab es bereits mit Union Berlin und Schalke 04: „Ich werde mir aber auch Gedanken machen, ob ich noch mal was anderes machen möchte – ob mich etwas anderes reizt. Da muss ich mal in mich gehen.“
Nach sieben Jahren hat Leonardo Bittencourt doch noch den Werder-Abgang bekommen, der ihm gebührt – und verabschiedet sich mit ehrlichen, kritischen Worten.
