In Abwesenheit von Maximilian Arnold führt er den VfL Wolfsburg als Kapitän ins Abstiegsfinale auf St. Pauli: Christian Eriksen spricht über Nervosität, Mohammed Amoura und verrät, was er Jonas Urbig zugeflüstert hat.
Vor dem Endspiel: Wolfsburgs Anführer im Interview
Christian Eriksen ist ein gefragter Mann. Erst ein Fernsehinterview, dann noch eine Medienrunde. Der Däne meistert den Fragenparcours mit Bravour. Der 34-Jährige geht als Anführer des VfL Wolfsburg in das Saisonfinale. Er ist in seiner Karriere noch nie abgestiegen, und dabei soll es bleiben.
Herr Eriksen, kannten Sie Dieter Hecking eigentlich schon, bevor er vor einigen Wochen VfL-Trainer wurde?
Ehrlich gesagt, nein.
Haben Sie sich schlau gemacht darüber, wer da Ihr neuer Coach wird?
Ich habe ein paar Nachrichten bekommen. Er hat in Gladbach mit Andreas Christensen und Jannik Vestergaard gearbeitet, ich habe mit ihnen gesprochen. Und ich habe Ivan Perisic geschrieben, weil er Dieter Hecking noch aus Wolfsburg kannte, als sie hier ein paar Titel gewonnen haben. So hatte ich vorher ein paar Einblicke.
Christiansen, Vestergaard und Perisic haben von Hecking berichtet
Und was haben sie erzählt?
Dass er ein guter Mann ist. Dass er einen klaren Plan hat, gut für die Mannschaft ist. Und dass er Erfahrung mitbringt. Genau das sehen wir jetzt auch.
Durch den Ausfall von Kapitän Maximilian Arnold sind Sie sein „verlängerter Arm“ auf dem Feld und tragen die Binde. Hat sich dadurch für Sie etwas verändert?
Nein. Es ist eine andere Rolle, klar, aber vieles ist auch die Perspektive von außen, wie die Leute draufschauen. Natürlich bringt es Verantwortung mit sich, wie du nach außen auftrittst. Aber ich habe mich vorher auch nicht anders verhalten. Ich gehe einfach denselben Weg weiter. Ich helfe dem Team auf jede mögliche Art. Die Verbindung und Kommunikation mit dem Trainer ist gut. Wir haben dasselbe Ziel, und das ist klar: drinbleiben. Wir versuchen, uns gegenseitig zu helfen.
Abstieg? Bisher ging es für Eriksen um Titel und Meisterschaften
Am Samstag geht’s zum Endspiel auf St. Pauli. Sie hatten viele entscheidende Spiele in Ihrer Karriere – welche kommen Ihnen in den Kopf?
Ich habe mit Inter Mailand 2020 ein Europa-League-Finale verloren, in Köln gegen Sevilla. In der Premier League gab es ein paar Mal diese letzten Spiele, in denen es darum ging, mit Tottenham in den Top 4 zu bleiben und die Champions League zu erreichen. Und dann war 2011 mal das alles entscheidende Spiel in den Niederlanden mit Ajax Amsterdam gegen Twente Enschede. So etwas in der Art ist das jetzt auch. Damals haben wir gewonnen.
- Die Tabelle der Bundesliga
Ist der Druck jetzt derselbe oder ist er heute anders?
Meine Perspektive ist anders. Damals war ich ein junger Kerl, 18 oder 19, spielte meine zweite Saison in der ersten Mannschaft, die erste volle Saison. Das ist natürlich anders. Aber das Spiel selbst und wie viel auf dem Spiel steht, ist ähnlich.
„Ich bin immer nervös, aber nicht im negativen Sinn.“ (Wolfsburgs Routinier Christian Eriksen)
Sind Sie nervös vor Spielen? Werden Sie am Samstag am Millerntor nervös sein?
Ich bin immer nervös, aber nicht im negativen Sinn.
So nervös wie früher?
Ja, eigentlich immer gleich. Nervös, aber auf eine gute Art. Ich mochte das immer. Es hält dich wach. Es ist nicht Angst, nicht so eine nervöse Seite, die dich blockiert. Es ist eher dieses Gefühl: Heute machen wir etwas, das Spaß macht.
Wann setzt diese Nervosität bei Ihnen ein?
Am Tag vor dem Spiel. Du arbeitest taktisch, du fängst an, dich zu fokussieren, du weißt: Morgen ist das Spiel. Und dann kommt das Gefühl. Aber richtig startet es erst, wenn du rausgehst.
Haben Sie Rituale vor einem Spiel?
Als ich jünger war, war ich schon ein bisschen abergläubisch: erst linker Schienbeinschoner, dann rechter und solche Sachen. Und ich habe jahrelang am Tag vor dem Spiel immer das Gleiche gegessen: Pasta, Pesto, Chicken. Aber heute ist es eher: Spiel einfach Fußball. Es ist egal, was du machst. Links oder rechts, am Ende wird es gut ausgehen.
Sie sind noch nie abgestiegen.
Das ist richtig.
Es ist immer die Rede von der Abstiegsangst. Kennen Sie dieses Gefühl?
Nein. Und ich glaube, die anderen Spieler auch nicht. Wir haben viel darüber gesprochen. In den nächsten Tagen wird es noch klarer werden, wofür wir spielen. Aber ich empfinde keine Angst, eher Vorfreude. Wir hatten schon, als der Trainer kam, dieses Mindset: Wenn wir am letzten Spieltag gegen St. Pauli alles in der eigenen Hand haben, dann ist das unser Finale. Und jetzt ist es genau so.
Ist das das Plus des VfL Wolfsburg in diesem Endspiel?
In den vergangenen Wochen haben wir positive Momente gesammelt, weil wir konstanter geworden sind, die Spiele sind nun enger. Und öfter kippen sie auf unsere Seite als auf die des Gegners. Früh in der Saison waren es oft Achterbahnspiele, hoch und runter, und am Ende haben wir trotzdem verloren. Jetzt sind wir stabiler. Das Plus ist, dass wir anfangen, in diesem Sinne zusammenzuwachsen
Beim 0:1 gegen die Bayern agierte der VfL phasenweise stark. Was bedeutet das für die Partie gegen St. Pauli?
Für uns ist es ein komplett anderes Spiel. Bayern ist anders als St. Pauli. Eine andere Spielweise, ein anderer Stil. Gegen Bayern konnten wir aber Selbstvertrauen ziehen, weil wir gesehen haben, dass wir gegen die Besten so spielen können. Trotzdem wird das jetzt ein anderes Spiel.
Zweitbester Scorer des VfL? Das ist Eriksen neu
Sie sind der zweitbeste Scorer des VfL?
Wirklich?
Das wissen Sie nicht?
Nein, das wusste ich nicht.
Drei Tore, acht Assists. Sind Sie zufrieden?
Mit den Assists vielleicht. Da könnte trotzdem noch ein bisschen mehr gehen. Und mehr Tore würde ich auf jeden Fall gerne haben, zumal es drei Elfmeter waren. Ich würde lieber mal aus dem Spiel heraus treffen, vielleicht gelingt mir das ja am Samstag.
„Urbig war fokussiert, ich wollte ihn ein bisschen auflockern“
Gegen die Bayern verhinderte Jonas Urbig mit einer Parade ein Traumtor von Ihnen. Nach der Glanztat gingen Sie zu ihm. Was haben Sie ihm gesagt?
Ich habe ihm einfach nur gesagt, dass er ein sehr gutes Spiel macht. Er hatte ein paar richtig gute Paraden, leider. Er war fokussiert, ich wollte ihn ein wenig auflockern (lacht).
Wie locker kann man als Fußballer sein, wenn man weiß, was ein Abstieg mit den Menschen im Verein und der Stadt machen würde?
Wir wissen, wie viel das für die Stadt bedeutet. Wir hatten gute Treffen mit Leuten, die hier geboren sind, die wissen, wie sich diese Situation anfühlt. Du merkst: Jeder weiß, wie wichtig das ist. Und deshalb wissen wir auch, wofür wir spielen.
Waren Sie schon mal am Millerntor?
Nein, noch nie. Aber ich habe gehört, dass dort eine gute Atmosphäre herrscht. Als Fußballer spielst du überall, mit guter Stimmung macht es noch mehr Spaß.
„Wir spielen für das Wolfsburg-Wappen“
Viele wünschen dem VfL Wolfsburg den Abstieg. Ist das für Sie eine besondere Motivation?
Ganz ehrlich: es ist uns egal. Wir spielen für das Wolfsburg-Wappen, wir spielen für den Klub, wir spielen für die Leute hier. Für uns ist es sehr wichtig, dass wir nicht absteigen. Und wenn andere eine andere Meinung haben, können sie sagen, was sie wollen. Unser Gefühl ist klar: Wir wollen nicht absteigen.
Werden Sie am Samstag mitbekommen, wie es beim anderen Konkurrenten in Heidenheim steht?
Erst einmal liegt der Fokus nur auf uns. Und wenn sich bei den anderen etwas Entscheidendes ändert, wird uns das auf dem Platz sicher gesagt.
Mohammed Amoura ist nach seiner Suspendierung beim Bayern-Spiel wieder zurück. Wie erleben Sie ihn?
Mo ist ein guter Kerl. Er hatte ein schwieriges Wochenende, aber im Training ist er gut, das war er auch vorher. Und in dieser Zeit benötigen wir jeden. Wir müssen uns gegenseitig pushen, damit wir auf St. Pauli gewinnen.
In Abwesenheit von Maximilian Arnold führt er den VfL Wolfsburg als Kapitän ins Abstiegsfinale auf St. Pauli: Christian Eriksen spricht über Nervosität, Mohammed Amoura und verrät, was er Jonas Urbig zugeflüstert hat.
