Malik Tillman hat seine Zukunft offengelassen – und auch an Bayers Chefetage Kritik geübt. Eine Einordnung.
Rolfes: „… ansonsten nehme ich das nicht so ernst“
Aus dem Leverkusener Trainingslager in Blankenhain/Thüringen berichtet Leon Elspaß
Vor ein paar Tagen schien ein ruckelfreier Neustart noch sehr gut möglich zu sein. Mit neuem Trainer und einem etwas veränderten systematischen Ansatz reiste Malik Tillman als Teil der Werkself ins Weimarer Land. Im neuerdings praktizierten 4-3-3 nicht als Zehner, sondern als Achter eher aus der Tiefe des Raumes zu agieren, dürfte ihm entgegenkommen – entweder links, wobei er da mit Ibrahim Maza starke Konkurrenz haben dürfte, oder eben rechts. So lautete die ziemlich einhellige Meinung. Tillman aber kann sich einen vorzeitigen Abschied offenbar sehr gut vorstellen.
Zwar sagte er in seinem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger unter anderem, er wolle bei Bayer beweisen, was er wirklich kann, und sei bereit, „wieder anzugreifen“. Aber er sagte eben auch: „Am Ende wird sich zeigen, ob ich bleibe oder nicht“ – und stellte nicht nur klar, dass es mit Ex-Trainer Kasper Hjulmand nicht gepasst habe, sondern äußerte auch Kritik an Leverkusens Chefetage.
„Die Kommunikation zwischen mir und der sportlichen Führung ist sicher verbesserungsfähig“, so Tillman. Auch während der WM, bei der er mit der USA bis ins Achtelfinale ging, habe er sich „etwas mehr Unterstützung“ gewünscht, die eine oder andere Nachricht etwa. Nachrichten an ihn hat es zwar gegeben – Tillmans Aussagen sind nun allerdings in der Welt. Und es sind durchaus spannende Aussagen. Wie oft kommt es denn schon vor, dass in schriftlichen Interviews, die auch noch die Autorisierungs- und Glättungsschleife durchlaufen, Kritik an Vorgesetzten geäußert wird?
Bayer-Geschäftsführer Rolfes lässt die Tillman-Kritik abperlen
Bei Leverkusens Sport-Geschäftsführer Rolfes und CEO Fernando Carro dürften die Zitate jedenfalls nicht sonderlich gut angekommen sein. Rolfes bemerkte am Donnerstag nur, Tillman habe mit ihm darüber nicht gesprochen. „Für mich ist erst einmal wichtig: Wenn jemandem etwas nicht gefällt, sollte er mit demjenigen sprechen, mit dem es ihm nicht gefällt. Das hat er nicht gemacht.“
„Wenn jemand etwas Ernstes hat, muss er mit mir oder Fernando sprechen. Ansonsten nehme ich das nicht so ernst.“ (Bayer-Geschäftsführer Simon Rolfes über Tillmans Interview)
Dass Tillman, im Sommer 2025 für 35 Millionen Euro Ablöse von der PSV Eindhoven gekommen, „vielleicht nicht immer ganz happy oder komplett zufrieden mit dem ersten Jahr gewesen ist, ist möglich“. Aber, so Rolfes weiter: „Wenn jemand etwas Ernstes hat, muss er mit mir oder Fernando sprechen. Ansonsten nehme ich das nicht so ernst.“ Eine Replik, mit der der erfahrene und in der Öffentlichkeit immerzu sachlich argumentierende Bayer-Sportboss nicht noch mehr Schwung in die Geschichte brachte. Ein gewisses Unverständnis war zwischen den Zeilen aber herauszulesen.
Die Frage ist nun erstens, ob sich Tillman und die sportliche Führung noch mal zusammenreißen (wollen) und das Interview des 35-maligen US-Nationalspielers quasi zum reinigenden Gewitter führt. Zweitens muss sich zeigen, ob Tillman wirklich noch mal durchstarten will bei Bayer – oder ob er voll auf einen Wechsel drängt. Und drittens gilt es abzuwarten, wie ihn Coach Carles Martinez einplant. Als wichtige Kraft – oder nicht?
Tillman polarisiert – und entscheidet sich bewusst gegen den ruckelfreien Neustart
„Jeder kann zu mir kommen und fragen, wie die Idee ist. Ich möchte mit den Spielern sprechen“, sagte Martinez nach dem Donnerstagstraining allgemein, ehe er noch ergänzte: „Vor uns liegen nun drei wichtige Spiele (gegen Sevilla, Nottingham und Newcastle, Anm. d. Red.). Sie helfen uns, in unserem Prozess weiterzulernen.“ Mal sehen, welche Rolle Tillman dann innehaben wird. Klar ist: Trumpft er bei Bayer mal so auf wie etwa bei der Weltmeisterschaft in diesem Sommer, dann könnte der 24-Jährige für den Werksklub sicherlich von großem Wert sein.
Fragt sich nur, ob es dazu kommt. Bei den Fans sind die Reaktionen auf Tillmans Aussagen gemischt. Manche reagierten positiv und verwiesen auch auf selbstkritische Worte („Ich selbst weiß, dass ich sehr viel mehr kann, als ich bisher gezeigt habe.“). Einige andere meinten, dass Tillman da ganz schön frank und frei Kritik übe, obwohl er trotz einiger Chancen, die er von Hjulmand vor allem in der Hinserie erhalten hatte, nicht überzeugte.
Der Mittelfeldmann, so viel ist sicher, polarisiert. Bleibt abzuwarten, ob er in Diensten des Werksklubs bald wieder positive sportliche Schlagzeilen liefern wird – das Skillset ist zumindest vorhanden, ebenso die ihm gut liegende Achter-Rolle. Aus dem ruckelfreien Neustart nach der für alle Seiten enttäuschenden Premierensaison wurde nun aber nichts. Und dafür hat sich Tillman ganz bewusst entschieden.
Malik Tillman hat seine Zukunft offengelassen – und auch an Bayers Chefetage Kritik geübt. Eine Einordnung.
