Als Haaland den SCP im zweiten Anlauf ausschaltete 

Mutig, kämpferisch bis an die Grenzen gehend, trotzdem auch taktisch versiert – so könnte Außenseiter Paderborn jene Chance haben, die es unter normalen Umständen beim haushohen Favoriten Borussia Dortmund nicht gibt. Anschauungsunterricht könnte eine Partie aus dem Februar 2021 bieten.

Erinnerungen an das Pokal-Duell 2021

Am Samstag ist es wieder so weit. Viermal standen sich der BVB und Paderborn bislang in der Bundesliga gegenüber. Es ging mitunter torreich und spannend zu. In der Bundesliga hatte es 2019/20 an selber Stätte bereits ein unterhaltsames 3:3 gegeben, bei dem Paderborn sogar zur Halbzeit mit 3:0 führte und Marco Reus sein Team in der Nachspielzeit rettete. Der bemerkenswerteste Vergleich zwischen den beiden westfälischen Nachbarn aber spielte sich vor fünfeinhalb Jahren im DFB-Pokal ab.

Dreimal stießen die beiden westfälischen Kontrahenten in ihrer Geschichte im Ringen um die begehrte Trophäe aufeinander, dreimal behielt der „große“ BVB die Oberhand, wobei es beim 4:2 im ersten Aufeinandertreffen im Oktober 1985 noch zum Vorläufer des heutigen SCP07, dem TuS Paderborn-Neuhaus, ging.

Der torreichsten Pokalpartie zwischen den Klubs in der Saison 2015/16 (Dortmund gewann 7:1) folgte im Februar 2021 die verrückteste, obwohl es zunächst gar nicht danach aussah. Die Rollen indes waren klar verteilt und zumindest seitens der Gastgeber prominent besetzt. Hier die Borussia, unter anderem mit der Doppelspitze Haaland/Sancho sowie Jude Bellingham dahinter und nebenbei einem Steffen Tigges, heute Paderborn, auf der Bank. Dort eine Gästeelf aus der 2. Liga, immerhin etwa mit dem „ewigen“ Sven Michel und dem heutigen Stuttgarter Nationalspieler Chris Führich in der Offensive.

Was in der Schlussphase der Begegnung geschah, war kurios und blieb vielen bis heute in Erinnerung. Die Geschehnisse im Protokollstil: Lange Zeit scheint alles seinen erwarteten Lauf zu nehmen. Dortmund führt durch Emre Can und Jadon Sancho nach 16 Minuten mit 2:0. In der 79. Minute erzielt Joker Julian Justvan für Paderborn das 2:1. Ergebniskosmetik – bis das Schiedsrichtergespann um Referee Tobias Stieler in den Mittelpunkt rückt.

Erling Haaland macht per Konter in der Nachspielzeit mit dem vermeintlichen 3:1 das Viertelfinale klar – und wird von Dr. Matthias Jöllenbeck jäh aus dem Jubel gerissen. Beim Dortmunder Ballgewinn im eigenen Strafraum hatte der Video-Assistent der Partie ein Foul an Paderborns Sebastian Schonlau entdeckt. Stieler annulliert das Tor und gibt stattdessen auf der Gegenseite Strafstoß für den SCP07. Der eingewechselte Prince Osei Owusu trifft zum 2:2. Verlängerung.

Weiter geht’s mit Wahnsinn. Unbeeindruckt schließt Haaland nach 95 Minuten erneut ein Solo erfolgreich ab und schaltet den tapfer dagegenhaltenden Gegner aus. Diesmal zählt’s, 3:2. Oder doch nicht? Die virtuelle Linie zeigt: Haaland steht beim Zuspiel von Thomas Delaney im Abseits. Stieler gibt den Treffer trotzdem, weil Paderborns ebenfalls eingewechselter Svante Ingelsson den finalen Pass zum Torschützen mit einer zielgerichteten Abwehraktion leicht berührt haben soll. Es folgt noch ein elfmeterreifes Foul in der 106. Minute von Can an Justvan, das Stieler durchwinkt. Dann ist endgültig Schluss.

Dieses K.-o.-Match toppte alle bisherigen Vergleiche. „Chancen in Hülle und Fülle, fünf Tore, Spannung bis zum Schluss und reichlich Diskussionsstoff – dieses Pokalspiel bot von fußballerischer Extraklasse abgesehen alles, was man sich als neutraler Beobachter von so einer Begegnung wünscht“, urteilte der kicker und zückte die Spielnote 1,5. Der Mitschnitt derweil könnte angesichts der mutigen, kämpferisch starken, aber auch taktisch gewieften Leistung dem aktuellen Paderborner Team von Trainer Ralf Kettemann heute als Lehrvideo und Anschauungsunterricht für die Herkulesaufgabe am Samstagnachmittag dienen.

Fans fehlen beim Spektakel – aber TV-Zuschauer hören Kurioses mit

Einziger Wermutstropfen an jenem Februar-Dienstag 2021 für die Fans: Sie können das Spektakel nicht direkt im Signal-Iduna-Park mitverfolgen. Es ist Corona-Zeit. Die Fernsehzuschauer aber bekommen dank der Stille in der Arena nach Haalands umstrittenen Treffer in der Verlängerung Wortgeplänkel vom Spielfeldrand mit.

„Edin, ich würde ja sagen, es tut mir leid, wenn’s Abseits ist. Aber tut mir nicht leid“, so etwa Paderborns Coach Steffen Baumgart süffisant zu seinem schwarz-gelben Gegenüber Edin Terzic, der im Hintergrund mit einem verdutzten „Hä?“ reagiert, woraufhin Baumgart wiederholt: „Wenn’s Abseits ist, tut’s mir nicht leid …“ Während anschließend laut durch das leere Stadion Richtung Mannschaft noch Baumgarts Ausruf „Okay, Jungs! Unser Ball, Abseits!“ hallt, erkennt Stieler das fünfte und entscheidende Tor an. Dortmund siegt 3:2 nach Verlängerung, holt später im Finale mit 4:1 gegen Leipzig den Pokal. Und Paderborn? Schreibt an diesem Abend immerhin ein kleines Stück Vereinsgeschichte.

 Mutig, kämpferisch bis an die Grenzen gehend, trotzdem auch taktisch versiert – so könnte Außenseiter Paderborn jene Chance haben, die es unter normalen Umständen beim haushohen Favoriten Borussia Dortmund nicht gibt. Anschauungsunterricht könnte eine Partie aus dem Februar 2021 bieten. 

 

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