Warum die klare Niederlage im Europa-League-Finale so sehr an Schuster nagt 

Durch das klare 0:3 im Europa-League-Finale gegen Aston Villa löste bei vielen Menschen in und rund um den SC Freiburg schnell der Stolz auf das Erreichte den Frust ab. An Julian Schuster nagt wiederum die Niederlage bis heute – Ende nicht absehbar. Der Chefcoach gewährt spannende Einblicke.

„Ein Prozess, der vielleicht nie aufhört“

Das bisher größte Spiel der Freiburger Vereinsgeschichte markiert auch den vorläufigen Höhepunkt einer noch jungen Trainer-Laufbahn. Von einer Jugendmannschaft im schwäbischen Heimatverein FV Löchgau abgesehen, hatte Julian Schuster noch kein Fußballteam hauptverantwortlich als Cheftrainer gecoacht, als er im Sommer 2024 das gewaltige Erbe von Christian Streich antrat. Um in der Folge recht schnell selbst die optimistischen Erwartungen an den Nachfolger dieser Bundesliga-Trainerlegende zu übertreffen.

Einzug in die Europa League als Bundesliga-Fünfter in der Premierensaison, die Königsklasse dabei nur knapp verpasst und direkt zum Trainer des Jahres 2025 gewählt worden – und Schuster setzte im zweiten Spieljahr nach Startschwierigkeiten eindrucksvollerweise sogar noch einen drauf.

Der 41-Jährige führte Freiburg ins DFB-Pokal-Halbfinale, als Liga-Siebten erneut in den Europacup – und eben in dieses bisher größte Spiel. Der Traum vom Europa-League-Triumph, dem ersten großen Titel der Klubhistorie, platzte im Finale von Istanbul jedoch relativ schnell. Als zu stark, konsequent und abgebrüht präsentierte sich der wesentlich finanzstärkere Premier-League-Klub Aston Villa um Erfolgstrainer Unai Emery.

Wie haben sich die Gefühle zehn Wochen später verändert?

Das klare 0:3 erleichterte vielen Menschen in und rund um den Sport-Club, recht schnell den Frust über die Niederlage und die damit verpasste Titelchance beiseitezuschieben, um vor allem stolz auf die außergewöhnliche Reise ins Endspiel zu sein. Bei Schuster allerdings dominierten noch weit nach Abpfiff in der Finalnacht deutlich sichtbar die Enttäuschung und der Ärger eines sportlichen Verlierers.

Und wie schaut der SC-Coach zehn Wochen später, nach dem Sommerurlaub, auf dieses besondere Spiel? Hat er die Partie schon verarbeitet? „Es ist vielleicht ein Prozess, der nie aufhört“, gewährt Schuster im Rahmen des Sommertrainingslagers spannende Einblicke in seine Gefühlswelt: „Ich weiß auch gar nicht, ob ich bereit bin, das irgendwie komplett abzuhaken und zu vergessen.“

Es nagt an Schuster, dass sein Team ungeachtet der hohen Gegnerqualität an diesem speziellen Abend nicht an seine Bestform herangekommen ist. „Durch den Ehrgeiz, der in mir und in der Mannschaft steckt, wäre es nicht richtig gewesen, an dem Abend grinsend herumzulaufen und zu sagen: Toll, was wir hier jetzt alles erleben durften“, erklärt Schuster: „Ich glaube, das Ergebnis und die Leistung werden mich sehr lange begleiten. Aber nicht im negativen Sinne.“

„Gewisse Dinge, auf Ergebnis und Leistung bezogen, haben eben auch gezeigt, wo wir stehen.“ (Julian Schuster über das 0:3 gegen Aston Villa)

Sondern möglichst mit einem positiven Effekt für die Zukunft. „Es ist so gemeint, dass es mich wach und motiviert hält. Gewisse Dinge, auf Ergebnis und Leistung bezogen, haben eben auch gezeigt, wo wir stehen.“ Und, wo im Vergleich zu erfahrenen Europacup-Teams mit einer höheren Kaderqualität und einem ausgebufften Top-Trainer noch Verbesserungspotenzial besteht.

Schuster selbst ging fachlich nicht ins Detail. Aber neben individuellen Unzulänglichkeiten, die neben der Gegnerqualität auch an erhöhter Nervosität durch die ungewohnt große Bühne gelegen haben dürften, waren Standardsituationen ein großes Thema dieses Spiels. Emery und sein Team schafften es, die Freiburger Stärke nach ruhenden Bällen mit einigen Kniffen wirkungsvoll einzudämmen und selbst zweimal eiskalt nach Standards zuzuschlagen, zuerst mit einer raffinierten Ecken-Variante.

Welche Faktoren bei der Verarbeitung geholfen haben

Auf emotionaler Ebene haben Schuster derweil zwei Faktoren bei der Verarbeitung der Niederlage von Istanbul geholfen. Einmal der Urlaub. „Wir waren in Marokko und dort die ersten Tage in Marrakesch, da waren so viele krasse Eindrücke, da wurde ich automatisch abgeholt, auch zum Vorteil der Familie“, berichtet der vierfache Vater, der dann vor allem nach der Rückkehr in die Heimat die andere Sichtweise auf die Nacht am Bosporus vielfach erfahren hat: „Die Menschen haben mir erzählt, was für ein Erlebnis es für sie war und was Istanbul und die Saison für sie bedeuten haben. Das hat mir geholfen, positive Dinge zu sehen und mir dieser Reise bewusst zu sein.“

Was Schuster sicher noch mehr helfen würde, seine „Istanbul-Wunde“ nachhaltig zu heilen, wäre eine erfolgreiche Rückkehr an den Bosporus im Mai 2027. Dann steigt an derselben Stelle im wunderschön am Wasser gelegenen Besiktas-Stadion das Finale der Conference League. Schon am 20. und 27. August ist das Schuster-Team in den Play-offs gegen HJK Helsinki oder den FC Motherwell gefordert, den Grundstein für die nächste besondere Reise zu legen.

 Durch das klare 0:3 im Europa-League-Finale gegen Aston Villa löste bei vielen Menschen in und rund um den SC Freiburg schnell der Stolz auf das Erreichte den Frust ab. An Julian Schuster nagt wiederum die Niederlage bis heute – Ende nicht absehbar. Der Chefcoach gewährt spannende Einblicke. 

 

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