Ex-Stürmer Erik Meijer erklärt, warum die Torflut im deutschen Fußball nichts mit schwächeren Abwehrreihen zu tun haben muss. Der Trend gefällt ihm – mit einer Einschränkung.
Stürmer-Experte über die Torflut
Erik Meijer weiß, wovon er spricht. Schließlich erzielte der kicker-Kolumnist zu seiner Zeit als aktiver Angreifer in Deutschland für Bayer Uerdingen, Bayer Leverkusen, Alemannia Aachen und den Hamburger SV in der 1. und 2. Liga in 260 Spielen insgesamt 57 Tore. Seit vielen Jahren arbeitet der Niederländer zudem als Sky-Experte und analysiert dort auch, wie die Tore fallen.
Herr Meijer, sehen Sie selbst lieber Spiele mit vielen Treffern, oder rollen Sie dann angesichts mangelnder Defensivqualität hier und da mit den Augen?
Ich mag es, wenn viele Tore fallen, weil ich in meinen Analysen für das Publikum auch lieber Positives als Negatives hervorhebe.
Woher kommt diese Torflut nach Ihrer Einschätzung?
Ich denke, dass die zahlreichen Treffer in der Bundesliga auf jeden Fall mit der steigenden Qualität der Offensivspieler korrespondieren.
Also muss man den Umkehrschluss schwächer werdender Defensivreihen gar nicht ziehen?
Nein, das muss man nicht zwingend. Denn ich denke, dass die Klubs, die Geld haben und in Qualität investieren wollen, dies lieber in offensive Kreativität anlegen. Man muss sich ja nur anschauen, was da an Offensivstärke hinzugekommen ist in den vergangenen Jahren. Und die ist dann eben auch deutlich schwieriger zu verteidigen.
Welche Rolle spielt das Geld konkret dabei?
Ich denke, dass die Bundesliga schon etwas „reicher“ geworden ist, nicht unbedingt im Vergleich zur Premier League, klar, das sind andere Dimensionen. Aber gegenüber anderen Top-Ligen, sodass man eben auf einem gewissen Niveau diese Ausgaben für offensive Neuzugänge tätigen kann.
Ist diese Ausrichtung, das Investment in Tore, demnach zu begrüßen?
Absolut! Ich sehe diesen Qualitätsschub natürlich gerne. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass unter diesen Spielern mehr deutsche Spieler gewesen wären, das muss ich schon einschränkend sagen.
„Langfristig denke ich, dass die Klubs mit mehr Geld weiter in die Offensive investieren werden.“ (Erik Meijer)
Die Premier League schaut dennoch immer etwas von oben herab auf die Bundesliga. Sie haben früher in England gespielt, als die Schere noch nicht so weit auseinandergegangen war, haben heute aber auch beide Ligen im Blick. Würden gegen die Abwehrreihen der Premier League die Bundesliga-Stürmer immer noch so zahlreich treffen?
Ich denke schon, ja. Und das ist bemerkenswert, denn der Aufsteiger in England hat fast einen höheren Etat als die Nummer sieben in Deutschland. Das kann man nicht komplett ausgleichen. Dementsprechend gehen die Spieler ja auch manchmal lieber zu einem schwächeren Verein nach England. Allerdings sieht man im Europapokal diesen finanziellen Unterschied ja auch nicht immer.
Sprechen wir denn hier nur von einer Momentaufnahme, also wird dieser Tore-Trend, die Flucht nach vorn quasi, in den deutschen Ligen bald durch defensivere Ausrichtungen wieder eingedämmt?
Interessante Frage. Langfristig denke ich, dass die Klubs mit mehr Geld weiter in die Offensive investieren werden. Diejenigen, die damit rechnen müssen, unten mitzuspielen, werden versuchen, ihre Defensive zu stärken. Strategisch, auf dem Rasen, wird sich erst mal nicht viel ändern, denke ich. Denn die guten Offensivspieler bei den Gegnern bleiben ja, zudem wird nun kein Trainer in der Länderspielpause seine Taktik so komplett über den Haufen werden, dass sich plötzlich alle aufs Verteidigen beschränken. Das hätte man ja auch schon vorher tun können. Doch offenbar ist es so, dass die Coaches sich angesichts ihrer Kader für diesen Weg entschieden haben, wenn es darum geht, ihre Jobs zu behalten.
Ex-Stürmer Erik Meijer erklärt, warum die Torflut im deutschen Fußball nichts mit schwächeren Abwehrreihen zu tun haben muss. Der Trend gefällt ihm – mit einer Einschränkung.
