Martinez-Debüt: Fehlgriffe und pikante Baustellen 

Bei seinem Bundesliga-Debüt liegt Trainer Carles Martinez nicht nur mit einer Personalentscheidung entscheidend daneben, sondern hat auch mit vielen alten Problemen der Werkself zu kämpfen.

Leverkusens kapitaler Fehlstart

Es war eine schonungslose Analyse. „Genau das, was wir uns am Anfang der Vorbereitung vorgenommen hatten, energisch auf dem Platz zu stehen, ins Pressing zu gehen, Schärfe ins Spiel hineinzubringen, mutig zu sein – das hat heute alles gefehlt“, urteilte Torhüter Mark Flekken nach der nicht nur vom Ergebnis her desaströsen 2:3-Niederlage beim Aufsteiger SV Elversberg in der Mixed Zone, „wir waren körperlich nicht anwesend, vor allem in den ersten zehn Minuten der beiden Halbzeiten. Auf der Ebene hat uns Elversberg einfach gezeigt, wie es laufen soll. Eigentlich sollte die Leistung andersherum sein, dass wir sie aggressiv anlaufen, bespielen, überlaufen. Eine Erklärung kann ich im Moment gar nicht geben, es ist leer in meinem Schädel.“ Flekkens Fazit bei Sky: „So darf es nicht weitergehen.“

In der Tat warfen die 95 Minuten im Stadion an der Kaiserlinde verdammt viele Fragen auf. Kämpfte Bayer doch dort erfolglos mit alten wie neuen Problemen. Eines hatte sich Trainer Carles Martinez bei seinem Bundesliga-Debüt selbst geschaffen, indem er den langsamen und defensivschwachen Lucas Vazquez (35) als Rechtsverteidiger nominierte und dafür Jarell Quansah mehr als 45 Minuten lang auf der Bank ließ. Ein Fehler mit vorhersehbaren Folgen. Diente Bayers rechte Seite dem Aufsteiger doch bis zu Martinez‘ zu später Korrektur als Einfallstor.

Mehr als eine Stunde für die erste Torchance aus dem Spiel

Dieses Problem dürfte sich mit der bevorstehenden Verpflichtung eines Rechtsverteidigers zumindest in dieser Form nicht mehr stellen. Gilt Wunschkandidat Guela Doué (23) doch als spiel- wie defensivstarke Lösung. Der ivorische WM-Teilnehmer, der bei Racing Straßburg sogar als Innenverteidiger eingesetzt wird, fehlte am Samstag beim Ligue-1-Spiel gegen Lens bereits im Aufgebot der Franzosen. Doué wäre eine deutliches Upgrade auf der Rechtsverteidigerposition.

Die dafür gefragten Qualitäten besitzt Exequiel Palacios, den der Klub an Ipswich Town verkaufte. Wirtschaftlich nachvollziehbar. Kann Bayer die Ablöse von 22,5 Millionen (plus 7,5 Millionen Euro an Boni) für den bald 28-Jährigen nach sechseinhalb Jahren in Leverkusen als Netto-Einnahme komplett reinvestieren. Viel Geld, das auch für den Doué-Deal benötigt wird.

Andere Baustellen muss Martinez wohl mit dem vorhanden Personal schließen. Und Probleme offenbarte die Werkself zum Auftakt nicht zu knapp. In Elversberg kam Bayer in der 67. Minute zu seiner ersten Chance aus dem Spiel heraus. Erst als Martinez auf eine Doppelspitze umstellte (und später mit Victor Boniface einen dritten Mittelstürmer brachte und am Ende Tapsoba nach vorn beorderte), entwickelte Leverkusen gegen den dann tiefen Elversberger Block Torgefahr.

Zahlreiche Brandherde

Auch das aggressive Pressing, eines von Martinez‘ Lieblingselementen, praktizierte Bayer in einer jämmerlichen Form. Elversberg konnte sich immer wieder problemlos daraus befreien und dann mit Tempo in die dahinter liegenden freien Räume spielen. Die Themen Intensität, Aggressivität, Mentalität, die allesamt nach der vergangenen Saison von Manager Simon Rolfes als wichtige Ansatzpunkte genannt wurden, sind weiterhin brandaktuell.

Die Pressing-Schwäche ist pikant, weil Leverkusens Doppelsechs es nicht verstand, die Räume zwischen den Linien zu schließen. Ezequiel Fernandez, der Gewinner der Vorbereitung, tat dies nicht mit der nötigen Konsequenz. Aleix Garcia, ein wunderbarer Gestalter, stellt defensiv mangels Schnelligkeit und Zweikampfstärke einen Schwachpunkt dar, wenn man so hoch zu pressen versucht.

Kommt Andrich zurück?

Doch Galligkeit und Zweikampfstärke von Palacios, Bayers bis dahin besten Balleroberers, fehlte in Elversberg. Und auch der andere Sechser neben Fernandez, der für Defensivstärke steht, hatte Bayer mit Robert Andrich ja auf die Verkaufsliste gesetzt. Doch der Abgeschriebene könnte schnell wieder wichtig werden. Ein Wechsel deutet sich mangels konkreter Interessenten auf Top-Niveau akut nicht an. „Ich gehe davon aus, dass er bleibt“, sagte Rolfes nach dem Elversberg-Desaster.

Teamplayer Andrich, der für taktische Disziplin, Mentalität und Leadership steht, bringt Qualitäten mit, um einer mit vielen Künstlern, aber wenig Arbeitern besetzte Elf die nötige Balance zu verleihen.

Denn so stark Bayers Kader von seinen einzelnen Akteuren her (gerade falls neben Rechtsaußen Moussa Diaby auch Doué kommt) aufgestellt ist, so deutlich stellte sich in Elversberg die Frage, ob die Mischung auf dem Platz die ideale ist.

 Bei seinem Bundesliga-Debüt liegt Trainer Carles Martinez nicht nur mit einer Personalentscheidung entscheidend daneben, sondern hat auch mit vielen alten Problemen der Werkself zu kämpfen. 

 

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