Was wird an diesem Montag im Kraichgau passieren? Die TSG Hoffenheim steht vor einer entscheidenden Woche.
Über den bizarren Machtkampf in Hoffenheim
Andreas Schicker fand deutliche Worte. Von einem „Kasperle-Theater“ sprach der Sportgeschäftsführer der TSG Hoffenheim am DAZN-Mikro vor dem am Ende zu hoch ausgefallenen 1:5 beim FC Bayern. Natürlich meinte der Österreicher nicht die äußerst unterhaltsame Darbietung auf dem grünen Rasen, sondern den im Kraichgau schwelenden Machtkampf.
Geht es in Wahrheit um die Finanzen?
In dem es an diesem Montag eine Gesellschafterversammlung geben soll, angeblich mit dem Punkt der Abberufung Schickers. Christoph Henssler, der der Ultra-Szene zuzurechnende Interimspräsident des e.V., hatte Schickers Wirken rund um einen Datenschutzverstoß kritisch hinterfragt und sich am Sonntag erstmals dazu geäußert. Zwar wird der 29-Jährige nicht wirklich konkret, aber: Seine Ausführungen lassen zumindest den Schluss zu, dass einiges mehr im Argen liegt bei der TSG. Etwa der Satz: „Es geht darum, Transparenz zu schaffen und Prozesse dort zu schärfen, wo es der langfristigen Professionalisierung des Klubs dient.“
Geht es dabei womöglich um das Thema Finanzen? Denn eines liegt auf der Hand, bei allem sportlichen Erfolg: Die Abhängigkeit der TSG von Zuschüssen des Dietmar Hopp ist so groß wie lange nicht mehr. Und der Milliardär hat keine Skrupel, trotz der Rückgabe seiner Stimmrechtsmehrheit – Achtung, Pointe, damals garniert mit dem Satz: „Mir ging es nie um Macht“ – sein Geld einzusetzen, um Entscheidungen in seinem Sinne durchzudrücken. Der 80-Millionen-Euro-Einschuss aus dem Sommer 2024, der erst dann erfolgte, als die damaligen e.V.-Bosse Schickers Vorgänger Alexander Rosen opferten, spricht Bände. 50+1? War da was?
Über Hopps Aussage lässt sich trefflich streiten
Man kann nun lange darüber streiten, ob das nicht Hopps gutes Recht ist, weil es im Kraichgau ohne seine Millionen keinen Profifußball gäbe. Man kann genauso lange darüber streiten, ob Henssler leichtfertig den sportlichen Erfolg gefährdet – denn der ist unter Schicker und seinem Trainer Christian Ilzer zuletzt sensationell, nachdem in der Vorsaison noch der Abstieg drohte.
Dietmar Hopp sagte nun in einem Interview mit der Rhein-Neckar-Zeitung: „Mein Wunsch war immer, dass die TSG Hoffenheim eines Tages wirtschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann. Dies hat leider in der jüngeren Vergangenheit, vor der sportlichen Neuausrichtung unter Andreas Schicker, nicht funktioniert.“ Nun, von 2015 an hat der Klub sauber gewirtschaftet, vor allem 2019 enorme Transferüberschüsse erzielt und sich auf dem Weg zur Unabhängigkeit befunden – dann traf Corona das auf Verkäufen basierende Geschäftsmodell stark, weil der Mercato während der Pandemie zwischenzeitlich einbrach. Dazu kamen Entscheidungen Hopps, die die damalige Geschäftsführung destabilisierten, etwa die Hinzunahme eines Denni Strich. Und zu der Nach-Corona-Phase ist im Prinzip mit der Geschichte um die 80 Millionen Euro und die Rosen-Freistellung alles erzählt. Ob es wirklich im Sinne des 85-Jährigen ist, den Klub wirtschaftlich unabhängig zu machen, auch darüber lässt sich trefflich streiten.
Es war Henssler, der Schickers Wechsel blockierte
Denn zur Wahrheit gehört auch, dass gerade in den vergangenen Jahren über die Spielerberatungsagentur Rogon, deren Chef Roger Wittmann mit Hopp befreundet ist, gekommene Profis wie Attila Szalai oder Mergim Berisha den Etat belasteten. Was deren gute Transfers der jüngeren Vergangenheit wie Joelinton oder Georginio Rutter, bei dem jedoch absurd hohe Provisionen im Raum standen, nicht schmälern soll. Was allerdings liquide Mittel band in einer wirtschaftlich komplizierten Phase des Klubs.
Doch zurück ins Jetzt, wo sich Hopp klar hinter Schicker stellt: „Ich wünsche mir, dass Andreas Schicker gemeinsam mit seinem Team diesen Weg noch lange federführend prägt. Und jeder kann sich darauf verlassen, dass ich diesen Weg zu 100 Prozent mitgehe.“ Der letzte Satz ist spannend. Denn noch im Oktober sah das anders aus. Da war der Geldgeber zumindest offen für einen Wechsel des Österreichers zum um ihn buhlenden VfL Wolfsburg. Schicker selbst war ebenso sehr empfänglich für das Werben der Konkurrenz (verständlich nach chaotischen Monaten) und es war Henssler, der dem ganzen einen Riegel vorschob. Das passt nicht in das Narrativ des den sportlichen Erfolg zerstörenden Ultra, das dieser Tage offensichtlich von interessierter Seite gezeichnet wird.
Wer hätte in der Datensache einschreiten müssen?
Was aber ist seither passiert? Unter anderem eine unberechtigte Weitergabe von Mitgliederdaten. Die Umstände erwecken den Eindruck, dass dies zum Zwecke der Findung eines auch für die Kapitalseite geeigneten Kandidaten für den e.V.-Vorsitz, um den es am 9. März geht, passiert ist. Stellt sich die Frage: Wer wusste davon? Und wer hätte einschreiten müssen?
Bis dato bleibt sie unbeantwortet, ein über die interne Hinweisgeberstelle eingeleitetes externes Verfahren scheint noch nicht abgeschlossen. Schicker hat die Hinweisgeberstelle neu vergeben an eine weitere, externe Kanzlei. Daraufhin berief Henssler die Gesellschafterversammlung ein und Schicker stellte die ehemaligen für die Hinweisgeberstelle zuständigen Mitarbeiter frei, die man intern dem Henssler-Lager zuordnet. Das wirkt wie das Prinzip „Auge um Auge“. Dass zwischenzeitlich auch Marketing-Geschäftsführer Tim Jost einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet hat – warum konkret eigentlich? – verkommt beinahe zur Randnotiz.
Erst im Sommer das eigene Statement konterkariert
Was also wird passieren an diesem Montag? Hensslers sonntägliches Statement („Die für die kommende Woche anstehenden Gespräche werden wir dazu nutzen, im sachlichen Austausch gemeinsam die Weichen für eine stabile und verlässliche Zusammenarbeit zu stellen.“) wirkt so, als würde er die Abberufung nicht mehr forcieren. Schicker erklärte am Sonntag, dass Hensslers Stellvertreter Frank Engelhardt ihm sein Vertrauen ausgesprochen habe. Hopp hat sich, wie erwähnt, klar hinter Schicker gestellt. Wie nachhaltig aber des Milliardärs Wort dieser Tage ist, zeigte sich erst im vergangenen Sommer, als er die damalige Geschäftsführung in ihrem Kurs kontra Wittmann erst per Statement auf den Klubkanälen stützte, um dies in einem Interview kurz darauf wieder zu konterkarieren. Auch das hatte etwas von einem Theaterstück.
Was wird an diesem Montag im Kraichgau passieren? Die TSG Hoffenheim steht vor einer entscheidenden Woche.
