Harry Kane hat in Bremen sein 500. Karrieretor erzielt und bastelt an einer Saison für die Geschichtsbücher.
Über den außergewöhnlichen Meilenstein des Bayern-Stürmers
Am liebsten hätte Harry Kane den Ball gleich weitergespielt, irgendeinen Mitspieler bedient. Nur waren weder Luis Diaz noch Lennart Karl oder Serge Gnabry in einer sonderlich aussichtsreichen Situation, weshalb der Stürmer des FC Bayern einfach mal abzog, aber nicht einfach draufhielt, sondern überlegt mit der Innenseite den Innenpfosten touchierte und nach 25 Minuten in Bremen zum 2:0 für die Münchner traf.
„Perfekt platziert“ fand er sein 26. Ligator der Saison später selbst und durfte dann jene Frage beantworten, die ihm in den kommenden Wochen noch des Öfteren gestellt werden dürfte: Wie sieht es denn aus mit dem 41-Tore-Rekord von Robert Lewandowski? Geht da was? „Alles ist möglich“, erklärte Kane grinsend. „Ich fühle mich gut, bin gut drauf, aber wir werden sehen.“
„Ich werde es Harry auch sagen: Es ist mir wurscht, ob er den Rekord hat oder nicht.“ (Kompany lachend über Kane)
Ist ja schließlich ein „unglaublicher Rekord“ und „noch ein langer Weg“. Ganz so lang aber tatsächlich nicht mehr, Kane ist nämlich drauf und dran, die beste Saison seiner Karriere zu spielen. Mit 44 Pflichtspieltoren hatte sich der heute 32-Jährige vor zwei Jahren in München angemeldet, die 38 aus der Vorsaison hat er mit seinen aktuell 41 Toren jetzt schon übertroffen. Inklusive Nationalmannschaft sind es derzeit 46, zweimal waren ihm in seiner Karriere jeweils 52 gelungen. Es „droht“ (eher den Gegnern) Kanes beste Spielzeit jemals.
Das i-Tüpfelchen auf einen wieder mal herausragenden Arbeitstag des englischen Nationalmannschaftskapitäns: Jener wohl überlegte Distanzschuss an der Weser war das 500. Profi-Tor einer Karriere, die kaum einer so hat kommen sehen.
Kanes ehemaliger Teamkollege McGleish machte sich einst Sorgen
Vor ziemlich genau fünfzehn Jahren hatte der 17-jährige Kane als Leihspieler von Tottenham bei Drittligist Leyton Orient sein erstes Tor im Erwachsenen-Fußball erzielt, beim 4:0 der „O’s“ gegen Sheffield Wednesday. Und Teamkollege Scott McGleish, damals schon 37 und bei seinem achten Verein, hatte sich eher Sorgen gemacht um den schmächtigen Teenager. „Man konnte seine Fähigkeiten sehen.“ Aber Kane, fand McGleish, sah aus „wie ein typischer Tottenham-Spieler aus den 1980er Jahren.“ Also „technisch sehr gut, körperlich in Ordnung, aber von der Spielweise her ein wenig langsam.“
499 Tore später dürfte sich der am Dienstag 52 gewordene McGleish eher weniger Sorgen machen um den derzeit wohl besten Stürmer der Welt. Im Tottenham-Trikot reifte Kane nach reichlich Anlaufzeit zum Superstar, zum dreimaligen Premier-League-Toptorschützen, zum WM-Torschützenkönig, zum erfolgreichsten englischen Torjäger jemals.
„Auf all diese Meilensteine bin ich wirklich stolz“, meldete sich Kane am späten Samstagabend via Social Media. „Ich versuche, es wertzuschätzen. Aber wie immer: Wir freuen uns aufs nächste Spiel, aufs nächste Tor. Hoffentlich kommen noch ein paar mehr, wir schauen mal, wie weit es reicht.“
Kane hat jetzt schon mehr Saisontore als in 2024/25
Die 26 Ligatore der Vorsaison hat Kane Mitte Februar schon erreicht und übrigens mehr Treffer erzielt als sieben aktuelle Bundesligisten, die dritte kicker-Torjägerkanone wird ihm ohnehin nicht zu nehmen sein (Luis Diaz folgt auf Platz zwei mit 13 Toren). Trainer Vincent Kompany ist all das herzlich egal. „Ich gehe davon aus, dass der Meistertitel für ihn wichtiger ist als der Torrekord. Aber vielleicht bin ich naiv“, meinte der ehemalige Verteidiger und musste ebenfalls lachen. „Wenn wir Meister werden, dann … Ich werde es Harry auch sagen: Es ist mir wurscht, ob er den Rekord hat oder nicht. Ich will einfach Meister werden. Er ist Kapitän von England, man darf nicht vergessen, dass das nicht umsonst ist.“
Tatsächlich wirken all die Tore und Meilensteine bei Kane eher wie ein nettes Extra, eher wie eine Belohnung für all das, was er sonst auf dem Platz kreiert. In Bremen beispielsweise trat Kane erstmals mit einer Defensivaktion in Erscheinung, unter der Woche beim Pokalspiel gegen Leipzig (2:0) baute er das Spiel zeitweise als letzter Mann auf. „Er arbeitet sehr viel für die Mannschaft“, lobt Kompany zu Recht.
Eine Woche bleibt Kane nun Zeit, sich auf das nächste Bundesliga-Spiel vorzubereiten, anstatt, wie in der kräftezehrenden Vorsaison, angeschlagen ins Play-off-Duell mit Celtic zu gehen. Und dann, wenn weitere Rekorde gebrochen wurden, wird es ernster werden mit den Gesprächen um die Zukunft. „Er soll so weitermachen und sich weiter wohlfühlen mit seiner Familie“, findet Sportdirektor Christoph Freund. „Dann kann er lange in München bleiben.“ Auch über 2027 hinaus.
Harry Kane hat in Bremen sein 500. Karrieretor erzielt und bastelt an einer Saison für die Geschichtsbücher.
