Schreie in Perugia und Stärke durch Taekwondo: Ebnoutalibs erstaunlicher Weg in die Bundesliga 

Stürmer Younes Ebnoutalib bekam auf dem Weg zum Profi nichts geschenkt und wurde hart auf die Probe gestellt. Mit dem Wechsel in seine Heimatstadt geht für ihn ein Traum in Erfüllung.

Frankfurts Straßenkicker stellt sich vor

Nach einem freien Sonntag startete die Eintracht am Montagvormittag bei Eiseskälte in die Vorbereitung auf den Jahresauftakt gegen Borussia Dortmund. Verzichten musste Trainer Dino Toppmöller auf Jean-Matteo Bahoya (Erkältung), Ellyes Skhiri (Sonderurlaub nach Afrika-Cup), Fares Chaibi (Afrika-Cup), Jonathan Burkardt, Michy Batshuayi, Elias Baum und Timothy Chandler (alle Reha).

Dafür mischten die Neuzugänge dick eingemummelt mit, so auch Younes Ebnoutalib, der einen guten Eindruck hinterließ. Für den Stürmer erfüllte sich mit dem Wechsel von der SV Elversberg zur Eintracht ein Traum. Das klingt abgedroschen, weil man es im Fußball ständig hört. Doch der Weg des 1,87 Meter großen Angreifers mutet tatsächlich märchenhaft an. Denn Ebnoutalib ist ein waschechter Frankfurter Bub, in der Jugend kickte er für Kalbach, Heddernheim, Rot-Weiss Frankfurt und Wehen Wiesbaden.

Als Ebnoutalib am Montagnachmittag auf dem Podium im Pressekonferenzraum Platz nimmt, wirkt seine Freude über den Wechsel zurück in die Heimat unverfälscht und ansteckend. „Es ist mir eine Ehre, hier zu sein und für die eigene Stadt zu spielen. Das ist ein Traum“, sagt der 22-Jährige. Er ist glücklich, wenn er nach dem Training nach Hause kommt und die ganze Familie da ist.

Albtraum in Perugia

Dieses Gefühl hat er vor allem während seiner Zeit in Perugia schmerzlich vermisst. Im Oktober 2022 wagte er den großen Schritt von Rot-Weiss Frankfurt nach Italien. „Ich hatte mein ganzes Leben in Deutschland gespielt und wollte mal gucken, wie es in Italien oder Spanien ist. Fußballerisch war das nicht die beste Entscheidung, aber menschlich und charakterlich hat mich diese Zeit sehr geprägt. Hätte ich das nicht durchgemacht, wäre ich jetzt nicht hier“, glaubt Ebnoutalib.

„Eigentlich wollte ich das Ganze direkt abbrechen.“ (Younes Ebnoutalib)

Schon der Start verlief wie im Albtraum: „Ich kam in Perugia an und sollte bei den Profis trainieren. Als wir auf dem Platz einen Kreis für eine Besprechung mit dem Trainer machten, schrie mich jemand auf Italienisch an. Ich verstand erst mal nichts.“ Der Teenager wurde so lange angebrüllt, bis er sich wieder in die Kabine verkrümelte. „Das war schon eine sehr, sehr komische Situation. Eigentlich wollte ich das Ganze direkt abbrechen, trotzdem habe ich dann weitergemacht“, erinnert er sich. Doch bei den Profis, die damals in der 2. Liga spielten, kam er nicht zum Einsatz. Stattdessen lief er im ersten Jahr für das Jugendteam auf.

Selbst nach dem Abstieg in die Serie C kam er nur zu einem Kurzeinsatz bei den Senioren. Man könnte auch sagen: Ebnoutalib war von der Fußball-Landkarte verschwunden, bevor überhaupt jemand richtig Notiz von ihm genommen hatte. Ein Mittelfußbruch im Januar 2024 beendete das Kapitel in Italien. Ebnoutalib kehrte nach Deutschland zurück und heuerte nach einem halben Jahr der Vereinslosigkeit beim Regionalligisten FC Gießen an. Dort trainierte er zunächst unter dem früheren Eintracht-Profi Daniyel Cimen, der schnell ahnte, dass die 4. Liga für Ebnoutalib eine Nummer zu klein ist.

„Younes ist groß, schnell und unglaublich athletisch. Zudem hat er die Straßenkicker-Mentalität. Das bedeutet, dass er technisch sehr stark ist. Umso länger er bei uns war, desto mehr hat man gemerkt, dass er nicht lange in der Regionalliga bleiben wird. Ich habe ihm schon damals gesagt, dass ihm keine Grenzen gesetzt sind, wenn er an gewissen Dingen arbeitet und reifer wird“, sagt Cimen im Interview mit Absolut Fußball.

„Eine sehr seltene Kombination“

Im Januar 2025 zog Ebnoutalib weiter zur SV Elversberg, wo er allerdings erst in dieser Saison so richtig durchstartete (zwölf Tore, ein Assist). „Er kam wie Phoenix aus der Asche“, schrieb der kicker im Oktober in einem großen Porträt über den Angreifer. Darin kommt auch Elversbergs Sportvorstand Nils-Ole Book zu Wort: „Younes hat eine sehr seltene Mischung aus physischen und fußballerischen Fähigkeiten. Er ist sehr groß, sehr schnell, kann sehr viel laufen, gleichzeitig aber auch dribbeln und abschließen, das ist einfach eine sehr seltene Kombination, die ihn extrem attraktiv macht.“ Pro Tor benötigte der in der Spitze bis zu 34,8 km/h schnelle Stürmer im Schnitt nur 4,2 Schüsse – das ist enorm effizient.

Die physische Stärke hat er zum Teil auch seinem Vater Faissal zu verdanken. Der gebürtige Marokkaner war erfolgreicher Taekwondo-Kämpfer: Bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gewann er die Silbermedaille. Der Apfel fiel nicht weit vom Stamm, Sohnemann Younes machte immerhin zehn Jahre lang Taekwondo – und profitiert davon bis heute: „Durch das Taekwondo wurde ich gelenkiger. Ich hatte noch nie muskuläre Beschwerden. Ich glaube, das kommt vom Taekwondo, ebenso wie meine Spritzigkeit, Athletik und Beweglichkeit.“

Ronaldo und Barkok als Vorbilder

Noch lieber trat der junge Younes allerdings gegen den Ball. „Schon von klein auf hatte ich immer nur eines im Kopf: Fußball. Dafür habe ich alles getan, ab und zu auch mal die Schule geschwänzt. Letztendlich hat sich alles ausgezahlt. Ich war immer sehr fleißig, das habe ich von meinem Vater gelernt. Auch er war trainingsverrückt und besessen. Ich habe alles gegeben, jetzt wurde ich dafür belohnt.“

Neben seinem Vater gab es noch zwei weitere Vorbilder: Cristiano Ronaldo und Aymen Barkok, der in der gleichen harten Gegend im Nordwesten von Frankfurt aufwuchs und einst bei der Eintracht zum Profi reifte. Zu Barkok habe er aufgeschaut, „er war eine inspirierende Person“. Ein brillanter Straßenfußballer, gesegnet mit großem Talent, aktuell aber trotz der Erfahrung aus 113 Bundesligaspielen und 18 Länderspielen für Marokko vereinslos.

„Ich glaube, da werden schon die Tränen fließen.“ (Younes Ebnoutalib)

Ob und wie schnell sich Ebnoutalib in der Bundesliga akklimatisiert, lässt sich nicht seriös prognostizieren. Der Werdegang von Igor Matanovic zeigt, wie groß der Schritt von der 2. in die 1. Liga sein kann. Der kroatische Nationalspieler schoss beim Karlsruher SC alles kurz und klein, setzte sich bei der Eintracht aber nicht durch und kommt in dieser Saison auch in Freiburg bisher lediglich als Joker zum Zug. Allerdings: Aus solchen Quervergleichen lässt sich nicht viel ableiten. Allein schon aufgrund seines Tempos könnte Ebnoutalib die Anpassung leichter fallen.

Sein Debüt dürfte er bereits am Freitag (20.30 Uhr, LIVE! bei kicker) im Heimspiel gegen Borussia Dortmund feiern. Da Burkardt (Wadenverletzung) noch bis mindestens Ende des Monats verletzt ausfällt, könnte Ebnoutalib sogar für die Startelf infrage kommen.

In jedem Fall ist mit großen Emotionen zu rechnen, wenn er erstmals im Waldstadion für die Farben „seiner Stadt“ auflaufen darf: „Ich glaube, da werden schon die Tränen fließen.“ Barkok traf übrigens einst bei seinem Bundesliga-Debüt für die Eintracht, vielleicht ist das ein gutes Omen.

 Stürmer Younes Ebnoutalib bekam auf dem Weg zum Profi nichts geschenkt und wurde hart auf die Probe gestellt. Mit dem Wechsel in seine Heimatstadt geht für ihn ein Traum in Erfüllung. 

 

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