Durchatmen war für Sebastian Hoeneß nach dem wilden 3:3 in Heidenheim nicht angesagt. Der Cheftrainer des VfB Stuttgart präsentierte sich vielmehr aufgebracht und fand wie sein Stürmer Ermedin Demirovic Kritikpunkte.
Abseitslinie falsch gezogen?
1:0, 1:1, eine aberkannte 2:1-Führung nach VAR-Check sowie damit verbundenem 2:1-Elfmetertor für Heidenheim nach etwas mehr als einer halben Stunde und zwei Comebacks zum 2:2 sowie zum finalen 3:3: Der Stuttgarter Gastauftritt beim Bundesliga-Schlusslicht war aus neutraler Sicht ein waschechtes Spektakel.
Oder in den Worten von Sebastian Hoeneß bei DAZN: „Das war ein Spiel, das ich jetzt auch noch nicht so erlebt habe in meiner Zeit. Es sind so viele Dinge passiert … Aber erst einmal vorneweg: Klar wollten wir hier gewinnen, das war der Plan. Und natürlich sind wir deswegen über das Ergebnis enttäuscht.“
Seinem Team einen großen Vorwurf machen wollte der VfB-Trainer aber trotz auf dem Papier feststehender Enttäuschung des Champions-League-Aspiranten beim Abstiegskandidaten aber nicht: „Wir haben nach einer englischen Woche mit 124 gelaufenen Kilometern (beim 4:1-Erfolg im Europa-League-Play-off-Hinspiel gegen Celtic; Anm. d. Red.) abgerissen, sind 125 Kilometer gelaufen und haben fast 60 Prozent der Zweikämpfe gewonnen. Ich glaube, man kann deswegen mit Fug und Recht behaupten, dass wir das Ding hier heute angenommen haben.“
„Die Dinge, die ich jetzt sagen werde …“
Schnell kam Hoeneß, der sich direkt nach Schlusspfiff aufgebracht gezeigt und auch noch leidenschaftlich mit seinem Gegenüber Frank Schmidt diskutiert hatte, aber auf Ärgernisse zu sprechen. Schließlich gab es aus seiner Sicht „ein paar spielentscheidende Situationen, die einfach gar nicht für uns gelaufen sind. Ich habe deswegen auch mit dem Schiedsrichter (Sascha Stegemann; Anm. d. Red.) noch gesprochen – und wir haben uns über das Spiel unterhalten. Und die Dinge, die ich jetzt sagen werde, sind nur meine Meinungen …“
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Die da wären: „Angefangen mit dem Elfmeter, den wir gegen uns bekommen …“ Hier beim nach VAR-Check geahndeten Foul von Maximilian Mittelstädt gegen Eren Dinkci „sehe ich auch den Kontakt, aber bitte Leute. Der Schiedsrichter nimmt es auf dem Feld als Blocken wahr. Da jetzt von außen zu intervenieren, das ist eine klare Fehlentscheidung. Was dann bedeutet, dass wir kein Tor machen. Das verstehe ich nicht, das ist mir zu wenig. Das ist jetzt hier eine Zeitlupe, die wir sehen – und ich sehe eben fast zeitgleich einen Block. Ich sehe auch keinen harten Kontakt, keine Sohle. Ein ganz normaler Zweikampf, der im Mittelfeld nie gepfiffen wird.“
Er treffe ihn zwar, „keine Frage. Doch das ist keine klare Fehlentscheidung.“ Der Referee komme aus seiner Sicht durch den VAR-Eingriff zudem in eine verzwickte Situation, „da er natürlich dann die Super-Slow-Mo sieht. Und dennoch kann er bei seiner ersten Entscheidung bleiben. Aus unserer Sicht ist das Wahnsinn.“
„Irgendwann müssen wir dafür eine Lösung finden. Mir kann jetzt niemand sagen, dass das Abseits ist.“ (Ermedin Demirovic über sein aberkanntes 3:2)
Ferner legte der VfB-Coach damit nach, ein Foul von Stefan Schimmer an Ramon Hendriks bei der Entstehung zum 2:3-Gegentor in der 82. Minute gesehen zu haben: Der Heidenheimer nehme schließlich beim Einhaken seinem Spieler die Chance, „den Ball wegzuspitzeln. Und wenn du jetzt die andere Szene mit reinnimmst, dann muss sich der Schiedsrichter die Szene hier zumindest einmal anschauen. Gerade mit der Vorgeschichte.“
„Schiedsrichter sollen wieder Schiedsrichter sein“
Extrem enttäuscht präsentierte sich an diesem Abend auch Ermedin Demirovic, dem Pechvogel dieses Sonntagabends. Dem Stürmer der Schwaben („Ich werde daran arbeiten, nicht im Abseits zu stehen, vielleicht ein Kilo abnehmen, dann ist die Schulter ein bisschen dünner“) waren schließlich gleich zwei Treffer aberkannt worden. Einmal der saubere Abschluss aus der Drehung in Minute 31, dem das von Hoeneß ausführlich sezierte Elfmeterfoul vorausgegangen war – und einmal der saubere Kopfball nach 73 Minuten, als wohl hauchzartes Abseits vorgelegen hatte.
Alles schwer zu verkraften für den 27-Jährigen, der bei Sky sagte: „Das ist natürlich alles bitter, tut weh.“ Zumal Demirovic direkt nach Studie der Bilder mit seinen Kollegen die Vermutung äußerte, dass die Abseitslinie im Kölner Keller – vor Ort unter anderem Video-Assistent Günter Perl – eventuell falsch gezogen worden war. Hintergrund hier: Bei der Auswertung der Bilder wurde an Gegenspieler Schimmer die Abseitslinie angelegt, laut VfB-Aussagen wäre aber eventuell eine Linie beim ebenfalls im Strafraum postierten Sirlord Conteh angebracht gewesen. Demirovic diesbezüglich: „Das wäre eine Frechheit, aber natürlich müssen wir jetzt erst einmal gucken, ob es wirklich so war. Aber wenn das nicht der Fall ist, dann wäre das Wahnsinn.“
Am Ende des Tages solle aus seiner Sicht der Schiedsrichter einfach Schiedsrichter bleiben und auf dem Feld die Entscheidungen treffen: „Er entscheidet, was auf dem Platz passiert. Wenn sie sagen, es ist Foul, dann ist es Foul. Das sind Tatsachenentscheidungen. Der Schiedsrichter bekommt das auf dem Platz besser mit als jeder Computer oder irgendeiner, der in Köln sitzt und Kaffee trinkt und irgendetwas für die Schiedsrichter entscheidet. Das finde ich ein bisschen schwach. Die Schiedsrichter sollten anfangen, das selbst in die Hand zu nehmen.“ Dazu sagte sein Trainer Hoeneß übrigens: „Ich habe auch diese Grafik (das Standbild bei der Abseitsentscheidung; Anm. d. Red.) gesehen – und das ist schon hart.“
Ganz zum Schluss stellte Demirovic nochmals klar, dass er („Ich habe die Bilder noch nicht richtig gesehen“) nicht in allem in Heidenheim eine Fehlentscheidung erkannte. Er wolle nur darauf aufmerksam machen, „dass die Schiedsrichter wieder Schiedsrichter sein sollten – und wenn am Ende alles stimmt, dann nehm ich das auch zurück“. Obendrein verlange der gebürtige Hamburger, dass in absehbarer Zeit mal eine Lösung für das Dilemma gefunden wird: „Mir kann jetzt niemand sagen, dass das Abseits ist. Es ist einfach Quatsch, dass wir so viel den Computern überlassen und nichts mehr selbst entscheiden. Das finde ich schwach.“
Durchatmen war für Sebastian Hoeneß nach dem wilden 3:3 in Heidenheim nicht angesagt. Der Cheftrainer des VfB Stuttgart präsentierte sich vielmehr aufgebracht und fand wie sein Stürmer Ermedin Demirovic Kritikpunkte.
