Beim 0:6-Debakel in Leipzig ließ sich Frankfurt von der ersten Minute an den Schneid abkaufen. Der brave Auftritt seiner Profis schmeckt Adi Hütter überhaupt nicht. Der Coach stützt Kapitän Robin Koch, verlangt aber einen Mentalitätswandel.
Koch bleibt als Kapitän in der Startelf
Bis zum nächsten Vollmond am 26. Oktober kann Adi Hütter leider nicht auf die Metamorphose seiner Mannschaft warten. Wenn der Mond eine Nacht lang rund wie ein Fußball ist, verwandeln sich in Gruselgeschichten gewöhnliche, brave Bürger plötzlich in blutrünstige Werwölfe.
„Für viele Gegner sind wir zu bequem“
Hütter wäre schon zufrieden, wenn seine Spieler am Freitagabend im Flutlicht-Spiel gegen den 1. FC Köln für 90 Minuten die Zähne fletschen. „Beißen, kratzen, zwicken“, gibt er als Maßgabe vor und kritisiert: „Für viele Gegner sind wir momentan einfach zu bequem. Ich möchte, dass wir wieder unbequemer zu bespielen sind. Wir sind zu angenehm, das geht einfach nicht.“
Das ist beileibe kein neues Thema, schon unter Dino Toppmöller und Albert Riera präsentierte sich die Mannschaft in zu vielen Partien handzahm wie im Streichelzoo. Das befeuert seit Jahren die Diskussion um Führungsspieler. Gallige Typen wie einst David Abraham, Sebastian Rode oder auch Gelson Fernandes fehlen dem Team offensichtlich. Doch Hütter kann sich solche Typen ebenso wenig herbeizaubern wie den Vollmond.
Folgerichtig stärkt er Kapitän Robin Koch, den er in Leipzig aus Leistungsgründen zur Halbzeit zum Duschen geschickt hatte: „Robin wird am Freitag spielen und auch der Kapitän bleiben, da gibt es gar keine Diskussion.“ Die Auswechslung des früheren Nationalspielers sorgte zwar für einige öffentliche Debatten, zeugte aber von genau jener Konsequenz, die man sich auch intern von Hütters Rückkehr versprochen hatte. Zu dieser klaren Linie passt auch der kurzerhand gestrichene freie Montag.
„Ich bin sicherlich nicht der Freund der Spieler, aber weit weg, ihr Gegner zu sein. Ich liebe dieses Nähe-Distanz-Verhältnis“, hatte der Coach im Sommer bei der ersten Pressekonferenz nach seiner Rückkehr betont. Hütter beschrieb sich als Kommunikator, Motivator und Vaterfigur, verdeutlichte aber: „Ich kann schon auch sehr hart sein, es geht mir um Disziplin. Ich will, dass wir arbeiten. Wir müssen alle wieder mehr tun.“
Kochs Formtief lässt auch Hütter rätseln
Nach fünf Spieltagen ist ersichtlich, dass es ein längerer Prozess ist, den Schalter in den Köpfen der Spieler umzulegen. In aller Deutlichkeit bekräftigte Hütter vor dem richtungsweisenden Duell mit Köln: „Ich will eine Mannschaft auf dem Platz sehen, die bis zum Umfallen kämpft. Das erwarten sich auch alle 60.000 im Stadion.“ Dass sich der 56-Jährige genötigt sieht, diese im Grunde einfach zu beherzigenden Basics mehrfach klar anzusprechen und einzufordern, lässt tief blicken.
Als Kapitän steht Koch in besonderer Verantwortung. Der 30-Jährige muss vorweg gehen, organisieren, die jungen Spieler führen und seinen Gegenspielern auch mal wehtun. Selbst Hütter rätselt, weshalb der Innenverteidiger seit geraumer Zeit im Formtief steckt. „Mit seiner Klasse und Erfahrung sollte es nicht so lange dauern. Ich sehe ihn eigentlich als sehr guten Verteidiger, der im Kopf stark und auch fußballerisch gut ist“, meint Hütter anerkennend. Er verweist auf Kochs erste Saison bei der Eintracht. Da habe dieser gezeigt, dass er „ein sehr unangenehmer Verteidiger“ sein könne.
Das Lob verbindet der Coach mit einer wichtigen Botschaft: „Ich glaube, dass er wieder viel mehr dorthin kommen muss, dass er die Zweikämpfe sucht und gewinnt. Natürlich erwarte ich mir von Robin auch, dass er als Führungsspieler seine Stimme dazu verwendet einzuteilen. Das habe ich speziell in der ersten Hälfte in Leipzig vermisst.“ Niemand griff korrigierend ein, und so nahm das Unheil seinen Lauf.
Letzter Heimsieg im März
Irgendwie scheint alles miteinander verwoben: Kochs anhaltendes Formtief, der Mangel an kernigen Typen im Kader, die schon zu Toppmöllers Zeiten wachsende Unzufriedenheit der Fans über die zu brave Spielweise und damit einhergehend auch die verlorenen gegangene Heimstärke in der jüngeren Vergangenheit.
Hatte die Eintracht in Hütters letzter Eintracht-Saison 2020/21 trotz der Corona-Geisterspiele kein einziges Mal im Waldstadion verloren, wartet sie nun bereits seit sechs Heimspielen auf einen Sieg (drei Remis, drei Niederlagen). Den letzten Dreier gab’s am 14. März gegen Heidenheim (1:0). Der kicker vergab die Spielnote 5,5 und urteilte: „Nach einer an Langeweile nicht zu überbietenden ersten Halbzeit wurde es marginal besser. Die Spannung bis zum Schluss war noch das Beste.“
Hütter wirkt fast schon ungläubig, dass die Fans so lange auf einen Heimsieg warten müssen. „Ich kann nicht verstehen, dass man über einen so langen Zeitraum zu Hause nicht gewinnt. 60.000 kommen ins Stadion, um uns zu unterstützen. Das Einzige, was sie sehen wollen, ist, dass wir von der ersten bis zur letzten Minute marschieren“, sagt der Trainer. Für ihn sei es undenkbar, dass Frankfurt den „Nimbus einer Heimmacht“ verloren habe: „Das müssen wir uns wieder erarbeiten. Doch das geht nicht von heute auf morgen und auch nicht mit Reden.“ Die Profis müssen endlich Zähne zeigen. Auch ohne Vollmond.
Beim 0:6-Debakel in Leipzig ließ sich Frankfurt von der ersten Minute an den Schneid abkaufen. Der brave Auftritt seiner Profis schmeckt Adi Hütter überhaupt nicht. Der Coach stützt Kapitän Robin Koch, verlangt aber einen Mentalitätswandel.
